Ikonografisch: Anton Corbijns Fotos von R.E.M. und Michael Stipe im Albertinum

Von Torsten Klaus. Man schrieb das Jahr 1991, als ein Song in den Radios rauf und runter lief: „Losing my religion“. „Out of time“ hieß das dazugehörige Album von R.E.M., und Michael Stipe, dieser schmale Typ mit durchaus androgyner Attitüde, warf als Sänger mit den Zeilen um sich. Kürzlich erzählte R.E.M.-Manager Bertis Downs eine kleine Anekdote dazu: Ein Porträtfoto von Michael Stipe, aufgenommen von Anton Corbijn, sei einer der entscheidenden Aspekte gewesen, dass „Losing my religion“ damals die erste Singleauskopplung wurde. Downs wies auf das mittlerweile berühmte Schwarz-Weiß- Bild – Stipe ernst, fast introvertiert, mit gesenktem Blick, der Hut eher ein Schutz als eine modische Marotte – und erinnerte sich an das entscheidende Gespräch mit den Managern der Plattenfirma Warner Bros. Records. Zur Single-Auswahl habe noch „Radio song“ gestanden, meinte Downs. Da aber das Corbijn-Foto schon als Optik der ersten Auskopplung feststand, habe man die Manager gefragt, welches Lied besser zu dem eher düsteren Bild passe. Die Antwort ist bekannt.

 

Michael Stipe by Anton Corbijn.

Und da saß er nun, der Fotograf Anton Corbijn, im Albertinum. Er ist sicher ohne Übertreibung einer der bekanntesten Porträtfotografen unserer Tage, hat zahlreiche Größen, vor allem aus der Musik, unterdessen auch  aus der bildenden Kunst, begleitet, beobachtet, abgebildet: meist in Schwarz-Weiß, aufgenommen mit der Hasselblad. Für manche seiner Fotos brauchte er nur wenige Minuten, weiß Gott kaum etwas wird von ihm mit Pomp und Pose inszeniert. Die im Albertinum zu sehenden Fotos von R.E.M., aufgenommen zwischen 1990 und 2010, zeigen meist Michael Stipe. Damit stellt sich auch indirekt die starke Verbundenheit zwischen dem Sänger und dem Fotografen her.

Bei seinem ersten Kontakt mit der Band, 1990 in Athens (Georgia), habe  er noch aus einer gewissen Distanz heraus gearbeitet, sagte Corbijn. Es dauerte nicht lange, bis ihn R.E.M. und vor allem Stipe auch privat näher heran  ließen. Dadurch konnten Bilder wie Stipe mit Badetuch am Swimmingpool  entstehen, ohne dass sie einem Celebrity-Hype huldigen würden. Im Gegenteil. Es ist, als würde Stipe durch die Fotos von seinem Star-Dasein befreit, entblättert, reduziert auf seine Essenz. Corbijn und Stipe gehen in gewisser Weise eine künstlerische Symbiose ein. Was nicht wundert, schließlich hat der R.E.M.-Sänger ein ausgesprochenes Faible für Fotografie. Auf der anderen Seite weitete Corbijn seine Arbeit auf den Film aus, führte unter anderem Regie bei „The American“ mit George Clooney.

Durch das Konzentrieren auf eine Band ist die kleine Schau, deren Vorbereitungszeit bei lediglich vier Monaten lag, nicht unbedingt zu vergleichen mit Corbijns Großporträts, die er vor rund elf Jahren in Dresden zeigte, damals im Japanischen Palais, und die derzeit unter dem Titel “Inwards and Onwards” in der Berliner Galerie camerawork zu sehen sind. Im Albertinum gibt es auch zahlreiche kleinere Formate, die ihre Intensität durch ihre Anordnung bekommen. So wie ein Band-Foto vom September 2010 in Nashville, wo R.E.M. das letzte Album vor ihrer Auflösung, „Collapse into now“, aufnahmen. Corbijn geht hier einen ganz anderen Weg, ordnet das  Trio Michael Stipe, Michael Mills und Peter Buck auf einer Brache an und lichtet sie aus der Entfernung und von oben ab. Es ist, als verlieren sie sich.

Michael Stipe by Anton Corbijn.

Erwähnenswert bleiben noch zwei Dinge: Die Corbijn-Schau ist die räumliche Verlängerung der „geteilt | ungeteilt“-Ausstellung. Und das Albertinum zeigt in einer Videobox zwölf Kurzfilme zu den zwölf Songs des finalen Albums. Erstmals komplett, wie Downs versicherte.

Die R.E.M.-Songs jedenfalls sind beim Blick auf die Bilder wieder da. Nun, eigentlich waren sie nie weg. Aber die Wucht, mit der die Erinnerung an die Musik über die gezeigten Fotos transportiert wird, überrascht dann doch. Das trifft natürlich auf das oben schon beschriebene Porträt zu. Bei einem anderen Foto, mit Stipes Kopf über den Wellen vor Miami, eine Basecap mit dem Schirm nach hinten aufgesetzt, kommt der Gedanke an „Nightswimming“ fast von allein. Und all das ohne Wehmut.

www.skd.museum

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