In der Weißen Stadt I

„Fischer im Kampf mit einer Schlange“ – Brunnen von Simeon Roksandic (1906) in der Festung „Große Kalamegdan“ in der Altstadt von Belgrad. "Fisherman fights with a snake" – Fountain by Simeon Roksandic (1906) in the Fortress "Large Kalamegdan" in the old quarter of Belgrade. Foto: Strahl

 

Von Tobias Strahl. Am zeitigen Sonntagmorgen liegt die Stadt wie verlassen da. Nichts erinnert an das geschäftige Treiben des vorhergehenden Abends. Nur wenige Händler haben ihre Geschäfte geöffnet. Auf dem Weg zur Festung „Kalemegdan“, im Zentrum der Altstadt Belgrads gelegen, frühstücke ich Pita und Joghurt. Nur wenige Besucher sind in der Festung, die oberhalb der sich hier vereinigenden Flüsse Sava und Donau wacht, an diesem Sonntagmorgen unterwegs. Ich sehe ein paar „Beogradjani“  (Belgrader) ihre Hunde spazieren führen, andere verkaufen Souvenirs.

Um den Platz der Republik (Republike Trg) schlägt das Herz des öffentlichen und politischen Lebens der Stadt. Hier sollte vergangene Woche die Gay Pride Belgrad stattfinden, die jedoch wegen Sicherheitsbedenken von staatlicher Seite untersagt wurde. Ebenfalls vergangene Woche, am Donnerstag, demonstrierten dort Studenten gegen die teuren Lebenshaltungskosten in der serbischen Hauptstadt, die ein Studium für viele unmöglich machen; am Freitag schließlich organisierte die Organisation Uvek Neposlusne (Immer ungehorsam), eine politischen Initiative, die sich mit verschiedenen öffentlichen Aktionen gegen Diskriminierung und Gewalt in jeder Form stellt,  eine Mahnwache um die Reiterstatue des serbischen Prinzen Mihailo Obrenovic (1823-1868).

Monument des Prinzen Mihail Obrenovic auf dem Platz der Republik (Republike Trg) in der Altstadt von Belgrad. Foto: Strahl

Ich bin eben erst angekommen, seit einer Woche lebe ich in Belgrad. Ich weiß nicht viel über die „Weiße Stadt“. Natürlich ist alles zunächst exotisch und faszinierend. Unter anderem deswegen habe ich – einer romantischen Laune folgend – meine Reise nach Serbien mit einer Zugfahrt begonnen. Von Dresden bin ich über Dečin, Prag und Brno nach Budapest gefahren; von dort geht ein Nachtzug nach Belgrad – eine Variante, Serbien zu erreichen, die ich jedem, der sich die Zeit nehmen kann und will, ausdrücklich empfehlen möchte.

Die wechselnden Landschaften im dahinfließenden Tag zu erfahren, zunächst das Elbtal und die Sächsische Schweiz, dann die sanfte Landschaft um Prag, Ausläufer des Fatra-Tatra-Gebirges bei Bratislava in der Passage zwischen diesem Gebirge und den Österreichischen Alpen, ist ein Erlebnis für sich.

Begleitet hat mich auf der Reise Oscar Wildes Das Bildnis des Dorian Gray. Dessen genial durchdachte Bilder stellen die Frage nach ihrem Geheimnis aus allen möglichen Perspektiven immer wieder neu. Eco, Volli, Goodman, Hörisch – die ganze zeitgenössische Semiotik wirkt lediglich wie ein schwacher Abglanz dessen, was im Dorian Gray bereits in poetischer Form ausgedrückt ist. Einen bekannten religiösen Sinnspruch dem Kontext anverwandelnd möchte ich sagen: Man findet nicht zum Buch, das Buch findet seinen Leser im richtigen Moment. Die am Fenster des Abteils vorbeifliegende Landschaft gibt den passenden Hintergrund zur Lektüre. Mir ergeht es wie Basil Hallward, wenn er Lord Henry Wotton gesteht: „… und zum ersten Mal in meinem Leben erblickte ich in der einfachen Waldlandschaft das Wunder, das ich stets gesucht und stets verfehlt hatte“. Nun, zumindest hält das „Wunder“ bis zur ersten Industriebrache vor Bratislava.

 

Facing problems as everywhere in Europe: "Znanje nije roba (l.) - Knowledge is not a commodity - Wissen ist keine Ware" and "Studenti svih fakulteta udinite se - Students of all faculties unite - Studenten aller Fakultäten vereinigt euch". Protest of students in Belgrade against high expenses for studying nearby "Studentski trg" (Students square) in Belgrade. Foto: Strahl

 

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