Jahrestag

Möhren schneiden. Wie jeden Abend. Der Automatismus: Möhren aus dem Kühlschrank nehmen, schälen, waschen, längs durchteilen, essen. Eins seiner vielen kleinen, nun ja, Rituale, die ihn am Leben erhielten. Seit fast einem Jahr.

Dazu kamen andere Gewohnheiten. An jedem Morgen onanierte er. Außer am Sonnabend, wo er frühmorgens ins Fitnesszentrum ging. Um diese Stunde war er dort fast immer allein. Das Personal hatte sich an sein Auftauchen um diese Stunde gewöhnt. Er seinerseits genoss es, von den Angestellten umgeben zu sein. Er kannte niemanden von ihnen. Gerade deshalb war ihm diese Gesellschaft erträglich.

Am Jahrestag ihres Weggangs setzte er sich in den Wagen. Er hatte ihn kurz vor der Trennung gekauft und gehofft, den Platz im Fond bald für Kinder zu brauchen. Er fuhr nach Norden, im Radio lief immer ein Sender, auf dem Gespräche und Interviews zu hören waren. Musik hatte er seit einem Jahr so gut wie nicht mehr gehört. Er hatte es mehrmals probiert, aber über zweieinhalb Minuten Zuhören kam er nicht hinaus. Keine Lieder über die Liebe. Das hatte er sich geschworen.

An sie dachte er nur noch selten. Er dachte überhaupt kaum noch. Die Arbeitsstelle hatte er gekündigt. Seither packte er unregelmäßig bei einer Spedition mit an, machmal rief ihn der Chef der Möbelpacker an. Worte brauchte es dann wenige. Das kam ihm entgegen. Er redete auch nur noch selten. Selbst die Sprache war verloren, irgendwo in ihm.

Als er auf die Brücke hinüber zur großen Insel fuhr, trat er das Gaspedal durch. Am höchsten Punkt zog er das Lenkrad scharf nach rechts. Er fühlte fast so etwas wie Befriedigung, als das Auto die Absperrung durchbrach. Den Moment des Fallens genoss er, wie er lange nichts mehr genossen hatte.

Lukas Strenot

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