Kaffee statt Kommunikation – wie die Bahn dem Streik ihrer Lokführer begegnet.

DB_Informationsschalter
Informationsschalter der Deutschen Bahn im Hauptbahnhof München. Bild: Creative Commons / Richard Huber

Von Tobias Strahl. Am vergangenen Sonnabendmorgen stand ich mit einer Gruppe Studenten vor dem Informationsschalter der Deutschen Bahn auf dem Münchener Hauptbahnhof. Es war eine viertel Stunde nach sechs, wir kamen mit dem Nachtzug aus Zagreb von einer Konferenz, wollten nach Dresden weiter und hatten noch reichlich Schlaf in den Augen.

Die Reise von München nach Dresden wurde eine veritable Odyssee, unsere Laune sank bald in den Keller. Der Grund dafür war jedoch nicht der Streik der GDL – ein legitimes und notwendiges Mittel des Arbeitskampfes – sondern einmal mehr die Deutsche Bahn, vor allem deren Informationspolitik.

Der kaum unvorbereitet mit dem Ausstand seiner Lokführer konfrontierte Konzern hatte es am Sonnabendmorgen offenbar noch nicht einmal für nötig befunden, auf einem der meistfrequentierten Fernbahnhöfe Deutschlands mit etwa 450 000 Reisenden täglich seinen Informationsstand vollständig zu besetzen. Zwei bereits am zeitigen Morgen sichtlich genervte und dementsprechend unfreundliche Mitarbeiter versuchten vergeblich, der schnell wachsenden Schlange der gestrandeten Reisenden Herr zu werden, während ein weiterer Bahn-Mitarbeiter im Hintergrund telefonierte und eine junge Dame (diese immerhin freundlich) im Kostüm ihres Arbeitgebers dünnen Kaffee an Menschen verteilte, die eigentlich um Informationen bemüht waren.

Die einzige Nachricht jedoch, die die Bahn in München in endlosen Wiederholungen unter das wartende Volk zu bringen bemüht war, betraf den angeblichen Verursacher der Misere: Im Minutentakt verkündete eine Lautsprecheransage den Ausfall von immer neuen Zügen, nicht ohne jedes Mal darauf hinzuweisen, dass dies dem Streik der GDL geschuldet sei. Zwischen den Ansagen erklangen jeweils die notorischen drei  Ankündigungstöne. Ein Gesamtkunstwerk der Stress-Produktion.

Man kann sich den Effekt lebhaft vorstellen. Nach wenigen Minuten hatte sich vor dem Informationsschalter im Münchner Hauptbahnhof eine schier endlose Schlange gebildet. Wer die Wartezeiten vor diesen Schaltern zum regulären Betrieb kennt, weiß, wie wichtig der Bahn die Kommunikation mit ihren Reisenden tatsächlich zu sein scheint. Nahezu ununterbrochen wurde den Reisenden die Ursache ihrer Not suggeriert. Man muss kein Spezialist für strategische Kommunikation sein, um das Kalkül hinter der Methode zu erraten.

Irgendwann waren schließlich auch wir an der Reihe. Ich legte den Ausdruck des ursprünglichen Reiseplans vor und erhielt eine neue Route über Nürnberg, Bamberg, Saalfeld und Leipzig nach Dresden. Eine elfstündige Tippeltour über Deutschlands Regionalbahnhöfe. Was die Dame hinter dem Schalter (sichtlich überfordert mit der Situation) verschwieg hatte, war, dass unsere Verbindung von München nach Hof vom Streik gar nicht betroffen war. Diesen Teil der Strecke bediente die Vogtlandbahn – und die verkehrte.

Was wir – schließlich in Dresden angekommen – von diesem letzten Teil der Reise mitgenommen haben, war der Eindruck eines Gemischs aus bewusst tendenziöser Kommunikation auf der einen und chaotischer bis fehlender Information auf der anderen Seite. Wir konnten uns des Eindrucks nicht erwehren, dass die Bahn ihre Reisenden im Kampf gegen die Gewerkschaft der deutschen Lokführer und um die öffentliche Meinung instrumentalisiert. Wäre dem tatsächlich so, wäre das ein beredtes Armutszeugnis für das Staatsunternehmen.

Der Journalist und Publizist Jakob Augstein schreibt in einer Kolumne für den Spiegel offen über die Rolle strategischer Kommunikation in der Auseinandersetzung der Bahn mit der Gewerkschaft der Lokführer. Reisende und Öffentlichkeit werden im Kampf um Informationshoheit zum Spielball der Interessen der Bahn – lässt sich eine der Beobachtungen Augsteins zuspitzen. Unsere Erfahrung auf dem Weg von Zagreb nach Dresden scheint das zu bestätigen. Wir jedenfalls sehen die Verantwortung dafür nicht bei den Lokführern und deren legitimem Arbeitskampf.

 

Diskutieren Sie mit:

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.