(K)ein Balkanmärchen

“A Balkan Tale” in den Kunstsammlungen Chemnitz mit konzeptionellen und inhaltlichen Schwächen.

Jutta Benzenberg, Pascha-Tor, Berat, 2011, C-Print, 60 x 90 cm, Privatbesitz, © Jutta Benzenberg

 

Von Tobias Strahl. Fünf Fotografen  aus Frankreich, Deutschland, Mazedonien, Serbien und Kosovo hat das Goethe-Institut verpflichtet, um für das Multimediaprojekt „A Balkan Tale“ osmanische Architektur auf dem Balkan abzulichten. Der deutsche Kultur-Exporteur mit Niederlassungen in allen bedeutenden Metropolen Südosteuropas verfolgt mit dem Projekt ein hehres Ziel: Auf das osmanische Erbe der Region soll aufmerksam gemacht, eine historische Gemeinsamkeit betont werden, um einen neuen Trend zu setzen im krisengebeutelten „Hinterhof Europas“ (Ihlau, Mayr), dessen Völker in den vergangenen hundert Jahren vor allem über ihre Differenzen gegeneinander ausgespielt wurden. Das leuchtet ein. Im übrigen Europa ist der Balkan zu allererst für besonders brutal geführte Kriege bekannt, die seinen Bewohnern den Ruf einer fatalistischen Einstellung zum Leben eingetragen haben – ein Bild, das in der Tat ebenso falsch wie korrekturbedürftig ist.

 

Nun ist das Gegenteil von „gut“ bekanntlich „gut gemeint“. Mit dem Projekt zur jüngeren Geschichte Südosteuropas betritt das Institut nicht nur kulturpolitisches Neuland sondern auch ein sprichwörtliches Minenfeld.

Eine Frage drängt sich angesichts der Ausstellung in den Kunstsammlungen Chemnitz sofort auf: Wer sind die Adressaten der Bilder und der dazugehörigen erläuternden Texte? Das deutsche Publikum ist es sicher nicht, denn die Ausstellung tourt zwar durch alle Hauptstädte der Balkanhalbinsel, in Deutschland jedoch ist sie nur in Chemnitz zu sehen – ein Umstand, über den sich die Generaldirektorin der Kunstsammlungen Chemnitz Ingrid Mössinger zur Eröffnung der Ausstellung am 9. Juni sichtlich erfreut zeigte, und dem eigens aus München angereisten Vertreter des Goethe-Instituts sogar dafür dankte, dass er für die Exklusivität der Schau in Chemnitz gesorgt habe. Wie, so kann man weiter fragen, passt das zum betont aufklärerischen Anliegen des Projekts, und wissen die Besucher der Ausstellung auf dem Balkan so wenig über das Erbe der längsten historisch- kontinuierlichen Epoche ihrer Region, dass man sie darüber belehren muss?

Gegen letzteres spricht vor allem eine Tatsache, die das Goethe-Institut in seinem Projekt bewusst verschweigt: Die beispiellose Zerstörung des osmanischen Kulturerbes auf dem Balkan während der vergangenen fast 200 Jahre. Bereits mit dem Beginn des Niedergangs der osmanischen Herrschaft auf dem Balkan Anfang des 19. Jahrhunderts setzten Pogrome gegen die muslimisch-osmanische Bevölkerung der Region ein, die Vernichtung ihres Kulturerbes wurde zur Regel in allen folgenden Herrschaftssystemen. Einzig unter den Kommunisten Titos schwächte sie sich ein wenig ab, nur um danach umso heftiger wieder einzusetzen. Es ist erstaunlich, wie es den für das Projekt verpflichteten Wissenschaftlern aus Istanbul, Pristina, Belgrad, Athen, Kreta, Tirana und Skopje gelungen ist, diesen Teil ihres „Balkanmärchens“ konsequent zu übergehen. Ganz offenbar fielen die Nachtstücke dieser Geschichte – die ebenfalls eine gemeinsame ist – dem Harmoniekonzept des Goethe-Instituts zum Opfer. Doch das ist weder redlich noch aufrichtig und führt in einem Fall sogar zur Verkehrung eines Kriegsverbrechens.

 

Hadum-Moschee und Großer Basar in Gjakova nach der Zerstörung 1999. Foto: Sammlungen des Instituts für den Schutz von Monumenten in Gjakova, Kosovo.

 

Zum Großen Basar in Gjakova, im Westen Kosovos, heißt es im Katalog der Ausstellung: „Am 24. März 1999 brannte infolge des ersten Nato-Bombardements auf das Kosovo der Große Basar nieder.“ Nun ist der Große Basar in Gjakova und die in seinem Zentrum liegende Hadum-Moschee aus dem 16. Jahrhundert am 24. März 1999 ganz offensichtlich von serbischen Militärs und Milizen beschossen und schließlich in Brand gesteckt worden, und eben nicht infolge des Nato-Bombardements abgebrannt. Zahlreiche Zeugenaussagen aus Gjakova bestätigen das. Andrew Herscher und Andras Riedlmayer von der Universität in Harvard kommen in ihren Untersuchungen unmittelbar nach dem Krieg zu denselben Ergebnissen, und  schließlich wurde der ehemalige serbische Präsident Slobodan Milošević in Den Haag neben zahlreichen weiteren Kriegsverbrechen auch für die Zerstörungen in Gjakova angeklagt.

Doch hat sich die Version des von Nato-Bomben zerstörten osmanischen Kulturerbes aus naheliegenden Gründen sowohl bei den in Den Haag angeklagten mutmaßlichen Kriegsverbrechern ebenso etabliert wie in der serbischen Wissenschaft. Tatsächlich bestätigte die Pressesprecherin des Goethe-Instituts in Berlin auf Nachfrage zunächst, dass der entsprechende Text von der am Projekt  beteiligten serbischen Historikerin Radina Vučetić stammt, nur um am nächsten Tag, nach Telefonaten mit dem Goethe-Institut in Athen, diese Version zu widerrufen, und den Text der Griechin Christina Koulouri zuzuschreiben. Ganz gleich aus wessen Feder der Text stammt: Es darf dem Goethe-Institut nicht passieren, dass in einer seiner Publikationen ein offenbares Kriegsverbrechen verkehrt wird. Der Leiter des Goethe-Instituts in der Region Südosteuropa Matthias Makowski räumte in einem Telefonat redaktionelle Fehler ein, über die er sich „sehr ärgere“, und versprach eine Änderung des entsprechenden Textes.

Auch fotografisch kann „A Balkan Tale“ nicht restlos überzeugen. Einzig der Deutschen Jutta Benzenberg, ihrem mazedonischen Kollegen Ivan Blazhev und dem Serben Ivan Petrović gelingt es, mit einigen Fotografien tatsächlich Bilder ihres Gegenstands herzustellen, in dem sie geschickt Menschen einbeziehen, die Nähe zum recht leblosen Gegenstand, dem Objekt des Kulturerbes, herstellen, und den Betrachter so davor bewahren, in Teilnahmslosigkeit zu versinken. Viel zu oft jedoch erschöpft sich „A Balkan Tale“ fotografisch in bloßer Abbildung. Kamilo Nollas‘ (Frankreich) Abbildung der Moschee von Didimoticho (Thrakien) ist kaum mehr als ein Urlaubsschnappschuss aus einem Hotelzimmer, und wie der Kosovare Samir Karahoda das Haman des Mehmet Pascha in Prizren sieht, ist es hundertfach in Suchmaschinen im Internet zu finden. Doch gibt es auch fesselnde Sichten unter den 50 Fotografien der Ausstellung. Benzenbergs Pascha-Tor in Berat (Albanien) und Petrovićs Bild der Altin Alem Moschee in Novi Pazar etwa zählen darunter.

Formal ist „A Balkan Tale“ auf dem neuesten Stand medialer Möglichkeiten. Es gibt eine hervorragend konstruierte Internetpräsentation, ein Layout, das sogar einen Preis gewann, sowie einen Dokumentarfilm zu den Balkankriegen 1912/13. Die formalen Stärken der Ausstellung wiegen jedoch die inhaltlichen und konzeptionellen Schwächen nicht auf. Es bleibt höchst fraglich, ob man die alten nationalen Mythen der Region ersetzen kann, indem man einfach ein neues Märchen – das vom multiethnischen, friedlichen Balkan – dagegensetzt, und weiterhin, ob ein Neuanfang gelingen kann, wenn die schmerzlichen Erlebnisse in einer gemeinsamen Geschichte so konsequent verschwiegen werden, wie es in „A Balkan Tale“ der Fall ist.

A Balkan Tale,  bis 2. September, Kunstsammlungen Chemnitz

www.kunstsammlungen-chemnitz.de

www.balkantale.com

Der Artikel ist am 12. Juni 2012 im Kulturteil der Dresdner Neuesten Nachrichten erschienen.

4 comments

  • Lieber Tobias, Deine Kommentierung ist überaus engagiert und mutig – sie lässt Dich klar als einen profunden
    und hintergründigen Betrachter der Geschehnisse auf dem Balkan erkennen. Zu den Beurteilungen der photogra- phischen Wertigkeit der Ausstellung kann und will ich mich an dieser Stelle nicht äußern; hingegen möchte ich 2 historische Aspekte der Kommentierung beleuchten:
    1.) Neben der Hadum-Moschee wurde im März 1999 ebenfalls die Großtekke der Bektaschi, des größten und re-
    nommiertesten Derwisch-Orden Südosteuropas, komplett zerstört (Wiederaufbau 2003 abgeschlossen) und dies
    wohlgemwerkt nicht durch NATO-Bomben sondern durch serbische Milizionäre – daran gibt es kein Vertun !!!
    2.) Ich bin entschieden gegen die Behauptung, lediglich osmanisches Kulturgur sei in den vergangenen Jahrhunderten schwerpunktmäßig im Kosovo zerstört bzw. beschädigt worden. Ausfälle und damit einhergehende irreversible Beschädigungen von Kulturgüter der serbisch-orth. Kirche hat es schwerpunkt-
    mäßig bereits zu Beginn des verg. Jhdts. gegeben – ebenso Mitte des 2. Weltkrieges; von den desaströsen 90er Jahren brauchen wir gar nicht zu reden…….Und in diesem Kontext darf auch ein weitere Komponente
    nicht vergessen werden: Auch die röm.-kathol. Kirche wurde wiederholt kostbare Besitztümer gebracht,
    indem ihre Kirchen von Serben vereinnahmt wurden (Zym, Decane, Rahovec).
    Gleichwohl: Auch wenn sich derzeit einige hoffnungsgebende Tendenzen abzeichnen – Nur gänzlich blauäugige Zeitgenossen mögen in der Tat von einem “Balkantale” reden……..
    Mit besten Grüßen – Hans watermann

  • Lieber Hans,

    vielen Dank für Deinen Kommentar und die wichtigen Ergänzungen. Ich freue mich, wieder von Dir zu hören.
    Ich stimme Dir in allem was Du schreibst zu. Ich arbeite im Moment an meiner Dissertation zur Zerstörung von Kulturerbe in Südosteuropa. Darin spielt die Zerstörung von serbischem/kroatischem/bosnischem sakralen und profanen Kulturerbe eine gleichbedeutende Rolle. Die Einschränkung auf das osmanische Erbe in diesem Artikel folgt dem Schwerpunkt der Ausstellung “A Balkan Tale”, der sich auf dieses Erbe konzentriert – und nicht zuletzt natürlich der begrenzt zur Verfügung stehenden Zeichenzahl für den Artikel in der Tageszeitung, in welcher der Text zuerst erschienen ist. Keinesfalls möchte ich die Zerstörung von etwa serbischem Kulturerbe in Kosovo – die wir beide vor Ort miterlebt haben, und die schließlich die wesentliche Motivation meiner Arbeit zu dem Thema überhaupt bildet – marginalisieren oder gar verneinen.

    Die Zerstörungen gegeneinander aufzurechnen, wie es seitens aller Ethnien auf dem Balkan immer wieder erfolgt, halte ich für wenig zukunftsträchtig; hinweisen jedoch möchte ich auf den im westlichen Europa aus unterschiedlichen Gründen wenig bekannten Umstand, dass die Zerstörung des muslimischen bzw. osmanischen Kulturerbes in den letzten zwei Jahrhunderten ohne Vergleich ist. Von der Auslöschung der älteren jüdischen Gemeinden und der späteren jüdischen Migranten aus Spanien, den Sepharden – die im Gegensatz zum “christlichen” Europa im muslimischen osmanischen Imperium Zuflucht fanden – und der Zerstörung ihres Kulturerbes ganz abgesehen.

    Ebenfalls mit den besten Grüßen,

    Tobias Strahl

  • In der Ausstellung fehlte noch etwas: die zahlreichen Kaufmannspaläste aus osmanischer Zeit, die in vielen Balkanländern noch erhalten sind. Auch eine historische Verbindung zu Chemnitz wäre sehr gut möglich gewesen, wenn man es denn gewollt hätte. Waren es doch Kaufleute aus Mazedonien, der damals zum osmanischen Reich Reich gehörigen, heutigen Grenzgregion zwischen Nordgriechenland, Mazedonien und Albanien, die Chemnitz seit 1764 mit dem Rohstoff Baumwolle belieferten. Dieser Rohstoff war die Grundbedingung für die einsetzende industrielle Revolution. Es ist historisch nachgewiesen, dass ohne ein bereits Jahrzehnte florierendes Baumwollgewerbe die erste sächsische und zweite deutsche Baumwoll-Spinnfabrik 1799 in Chemnitz-Harthau nicht entstanden wäre und es ein “sächsisches Manchester” so wohl nicht gegeben hätte. Von den etwa 30 nachgewiesenen Kaufleuten, die sich etwa vier Jahrzehnte in Chemnitz betätigten gibt es im Chemnitzer Schloßbergmuseum wenigstens eine kleine Erinnerung in Form von sieben Ölgemälden, sechs davon dauerhaft ausgestellt im BILDERSAAL CHEMNITZER GESCHICHTE. Ein historischer Aufsatz zum Thema findet sich im zugehörigen BILDERBUCH CHEMNITZER GESCHICHTE (Türken in Chemnitz-Die Mazedonier-Bildnisse), Schloßbergmuseum Chemnitz, 2012, S.62-67. Zur Geschichte gehört mehr als nur Herrschaft, Militär oder Religion. In der Heimat der Mazedonier finden sich heute noch dutzende erhaltener Kaufmannspaläste, einige davon in den letzten Jahren mit EU-Hilfen aufwändig restauriert. Dem Goethe-Institut war das kein einziges Foto wert und den Kunstsammlungen Chemnitz nicht ein Wort der Erwähnung….

  • Lieber Herr Ehmke,

    vielen Dank für diesen informativen Nachtrag. Wir nehmen gern mehr davon.

    Mit den besten Grüßen,

    Tobi Strahl

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