Kosovo – Der vergessene Konflikt

Blick von der Festung "Kalaja" auf die Stadt Prizren im Südosten Kosovos. foto: strahl

Von Tobias Strahl. Die Wiederaufbau-Geschichte Kosovos gilt als Erfolgsgeschichte – nicht nur unter Militärs. Gute Nachrichten sind keine Nachrichten, und keine Nachrichten sind die besten Nachrichten – für Kosovo scheint das zu gelten. Zeitigte die Intervention der westlichen Staaten 1999 in dieser Region des Balkans eine wahre Flut von Publikationen, entfesselten die 78 Tage andauernden Bombenangriffe auf Ziele in Serbien und Kosovo eine kontroverse öffentliche Debatte, an der sich Publizisten und Intellektuelle wie etwa Hans Magnus Enzensberger oder der albanische Literat Ismail Kadaré beteiligten, so hört man heute kaum noch etwas vom Amselfeld, dem Kosovo Polje. Das heißt aber nicht, dass es kaum Nennenswertes zu berichten gibt von diesem Landstrich, von dem es einst hieß, er könne angesichts des mit brachialer Waffengewalt beendeten Bürgerkrieges als Prüfstein der Gültigkeit westlicher Werte und Überzeugungen verstanden werden. 

 

Kosovo gilt als befriedet. Regelmäßige Wahlen garantieren ein Mindestmaß an Demokratie. Die politische Verwaltung hat sich etabliert. Mit dem Kosovo Police Service liegt die Polizeigewalt in den Händen des Staates, der sich am 17. Februar 2008 in einer einseitigen Unabhängigkeitserklärung scheinbar endgültig aus der Einflusssphäre des despotischen ehemaligen Lehnsherrn Serbien befreite. Von den 50 000 Soldaten, überwiegend aus Nato-Staaten, die unmittelbar nach dem Ende des militärischen Konflikts und dem Beginn des internationalen Protektorats in der ehemaligen jugoslawischen Provinz den Frieden sicherten, sind heute noch knapp 10 000 in Kosovo stationiert. Deutschland, das als einer der ersten Staaten die einseitige Unabhängigkeitserklärung der Regierung in Pristina anerkannte, stellt heute mit etwa 1500 Soldaten den größten Anteil der Kosovo-Force (KFOR), dicht gefolgt von den USA (1480) und Italien (1409). Eine weitere Truppenreduzierung in absehbarer Zeit gilt als wahrscheinlich. 

Sichtbare Spuren des Bombardements der Nato 1999. Das Gebäude des Generalstabs der ehemaligen Jugoslawischen Armee nach Bombentreffern der Nato. foto: strahl

  

Und so werden auch dieses Jahr am 12. Juni, dem Tag, als die internationale Friedenstruppe einmarschierte, wieder Straßen und Plätze in Pristina und Prizren von feiernden Menschen überquellen. Auf dem Shadervan, dem traditionellen Zentrum von Prizren im Süden Kosovos, werden hunderte junge Gäste (die Hälfte der Bevölkerung Kosovos sind unter 35 Jahre alt) in zahllosen Cafés bei lauter Musik zusammensitzen und sich einer Zeit erinnern, die sie kaum bewusst miterlebt haben können. In Pristina, im Zentrum Kosovos, werden sich hupende Autokorsos durch die Innenstadt drängen. Die Insassen der Fahrzeuge werden euphorisch Fahnen und Wimpel schwenken: Der schwarze Doppeladler auf rotem Grund, die Fahne Albaniens, wird neben der neuen europa-blauen Flagge Kosovos zu sehen sein, die sechs goldene Sterne über dem Umriss des Landes zeigt.

Am 12. Juni 1999 hatten Soldaten aus über 40 Nationen von ihren Aufmarschorten in Mazedonien und Albanien die Grenzen zur ehemaligen jugoslawischen Provinz Kosovo überschritten. Die Besetzung der Region durch internationale Truppen markierte den Endpunkt des jüngsten blutigen Konflikts in der europäischen Geschichte. Mehrere tausend Tote, hunderttausende Vertriebene, Säuberungsaktionen serbischer Militärs und Milizen an der albanischen Bevölkerung, Anschläge der albanischen Freiwilligenarmee UÇK auf serbische Polizeistationen im Kosovo, Flüchtlingslager in Albanien und Mazedonien, Bombenangriffe auf Ziele in Serbien, deren Spuren bis heute sichtbar sind – die Bilanz bis zum 12. Juni 1999 zeigt, dass sowohl Serben als auch Kosovo-Albanern Opfer eines mörderischen Nationalismus wurden, der wiederum in beiden Lagern tief verwurzelt ist. Seit 1999 gilt der 12. Juni innerhalb der albanischen Majorität Kosovos als Tag der Befreiung. Im Jahr 2008 kam der 17. Februar als Datum der umstrittenen Unabhängigkeitserklärung, die bisher von erst etwa einem Drittel aller Staaten der Vereinten Nationen anerkannt worden ist, als Nationalfeiertag hinzu.

Die wiedererrichtete St.-Georgs-Kathedrale in Prizren wurde während der Unruhen in der Nacht vom 17. auf den 18. März 2004 abgebrannt. Heute wird sie von der Polizei bewacht. foto: strahl

  

Die herausfordernde Feier nationaler Symbole, des Doppeladlers Albaniens und des blau-goldenen Sternenbanners Kosovos, birgt jedoch einen tiefen Widerspruch, der im Freudentaumel der alljährlichen Festivitäten entweder nicht bewusst ist oder absichtlich unterschlagen wird. Die Silhouette des schwarzen Adlers auf rotem Grund erinnert an jene Phase des albanischen Nationalismus, der schließlich in die Unabhängigkeit des albanischen Staates 1912 mündete. Also jene Zeit der Balkankriege, die von den Großmächten der alten Welt gegen das osmanische Reich geführt wurden, in dessen Strudel die Balkanstaaten gerieten, indem sie wahlweise von der österreichischen Monarchie, Russland, der Hohen Pforte, dem Deutschen Kaiserreich, von Frankreich oder Großbritannien für deren Interessen missbraucht worden sind. Der jüngste Konflikt in Kosovo ist eine der Spätfolgen der Auseinandersetzungen der europäischen Großmächte. Im blau-goldenen Sternenbanner mit dem Grundriss Kosovos hingegen ist ein Anspruch auf die Zukunft formuliert. Die sechs Sterne bezeichnen die verschiedenen Ethnien Kosovos: Albaner, Bosniaken, Roma, Serben, Türken und die restlichen Minderheiten wie Goraner und Ashkali. Diese sollen in Kosovo eine friedliche Heimat finden. Die Farbwahl unterstreicht die Ausrichtung auf ein gemeinsames Europa. Eines, in dem Nationen eine immer geringere Rolle spielen.

Ein multiethnisches Kosovo aber bleibt bis heute Legende. Die Wiederansiedlung der unmittelbar nach 1999 und im Zuge der Märzunruhen 2004 vertriebenen etwa 200 000 Serben macht kaum Fortschritte. Noch immer müssen serbische Enklaven, wie etwa Velika Hoca im Süden Kosovos, bewacht werden. Im Norden Kosovos hingegen, oberhalb von Kosovska Mitrovica, leben überwiegend Serben. Hier ist der Einfluss des Parlaments in Pristina denkbar gering. Die Serbische Orthodoxe Kirche gilt bis heute als Hort des serbischen Nationalismus. Wie eh und je bedienen serbische Kleriker antialbanische Ressentiments und heizen die Stimmung auf. Bosniaken und Roma sind vom öffentlichen Leben in Kosovo praktisch ausgeschlossen. Im Parlament in Pristina bringen es Roma, Bosniaken, Türken und Goraner gerade mal auf zehn Sitze von insgesamt 120.

Ein Mädchen der Roma-Minderheit verkauft Spielsachen in der Altstadt von Prizren. foto: strahl

 

Die Balkanregion war im Mittelalter einer der größten Verkehrsknotenpunkte zwischen Orient und Okzident. Kosovo ist reich an römischer, byzantinischer und osmanischer Architektur. Im Zuge des Konflikts wurden in den Jahren 1998 und 1999 viele der osmanischen Bauten, darunter Bäder, Wohnhäuser, Moscheen und traditionelle Märkte, von serbischen Einheiten zerstört. Nach dem Bürgerkrieg ließen albanische Nationalisten ihrerseits ihre Wut an allen sichtbaren Zeichen serbischer Kultur aus und zerstörten bis 2004 zahlreiche Kirchen und Klöster der Serbischen Orthodoxen Kirche. Die Übergangsverwaltung der Vereinten Nationen (UNMIK) hatte unmittelbar nach dem Konflikt scheinbar dringendere Probleme als die systematische Erfassung aller zerstörten Bauten. So gibt es bis heute keine verlässliche Aufstellung des beschädigten oder zerstörten kulturellen Erbes.

Große Probleme bereitet den Kosovo-Albanern ihre Isolation innerhalb Europas. Seit dem Tod des jugoslawischen Autokraten Josip Brosz Tito 1980 und der nationalistischen Wende in der serbischen Kosovo-Politik wurden albanische Akademiker aus dem öffentlichen Leben verdrängt. Albanische Juristen und Ärzte arbeiteten als Gärtner und Kellner in Deutschland, Österreich und der Schweiz. An der Universität Pristina werden heute jährlich tausende Absolventen in die Arbeitslosigkeit entlassen. In Kosovo gibt es für sie kaum Perspektiven, in Europa sind ihre Abschlüsse nicht anerkannt. Von den restriktiven Vorschriften zur Vergabe von europäischen Visa ganz zu schweigen. Während die älteren Kosovaren sich um die Früchte ihres Kampfes um Unabhängigkeit betrogen wähnen, besteht auf Seiten der jungen Einwohner der Landes eine hohes Frustrationspotential angesichts ihrer Zukunftschancen. Ein hochrangiger deutscher Offizier im Kosovo brachte die Situation neulich so auf den Punkt: „Die Demographie Kosovos, der unglaublich hohe Anteil an Menschen unter 35 Jahre ist Chance und Risiko zugleich.“ Der vielfach geäußerte Vorwurf der hohen Kriminalität in Kosovo ist nicht auf eine angebliche kriminelle Energie der Albaner im Kosovo zurückzuführen, sondern ist unter anderem eine Folge der geschilderten Isolation.

Doch tatsächlich gibt es auch gute Nachrichten aus Kosovo. In wirtschaftlicher und kultureller Hinsicht gibt es einige positive Beispiele, die hoffen lassen. So findet in diesem Jahr vom 31. Juli bis zum 7. August das 9. internationale Festival für Dokumentarfilme, das Dokufest, in Prizren statt. Dort werden wieder Filme aus der ganzen Welt zu sehen sein – auch aus Serbien. Das Dokufest Prizren ist jüngst nach dem Votum einer internationalen Jury auf Platz 22 der 25 bedeutendsten internationalen Dokumentarfilmfestivals gewählt worden.

Veton Nurkollari ist künstlerrischer Leiter des Dokumentarfilmfestivals in Kosovo. foto: strahl

Mit der Firma Siprint, im Süden Kosovos, hat sich eine einheimische Druckerei erfolgreich etablieren können. Der Inhaber Sokol Idrizi begann im Jahr 2000 mit Drucksachen für die Kosovo-Force. Heute druckt Siprint fast alle Schulbücher in Kosovo. Ebenfalls in Prizren feierte am 16. April das Loyola-Gymnasium sein fünfjähriges Bestehen. Mit viel Unterstützung aus Deutschland hat Jesuitenpater Walter Happel gemeinsam mit kosovarischen und deutschen Lehrern in den vergangenen fünf Jahren einen funktionierenden Schulbetrieb für bis zu 360 Schüler aufbauen können. Aber Beispiele dieser Art sind noch selten in Kosovo. Sie stehen am Anfang eines langwierigen Prozesses, der ohne internationale Aufmerksamkeit und Unterstützung chancenlos bleiben muss.

Schüler des Loyola-Gymnasiums in Prizren geben anlässlich der Fünf-Jahres-Feier des Bestehens der Schule ein Konzert. foto: strahl

Der Balkan als Hinterhof Europas ist ein gängiger Topos, der sich selbst in der wissenschaftlichen Literatur bis heute erhalten hat. Eine begriffliche Fehlleistung mit katastrophalen Folgen. Der Hinterhof gehört ohne Frage zum Grundstück, so wichtig wie die gute Stube des Hauses aber ist er nicht. In der Hochzeit der europäischen Nationalismen war der Balkan einer der Äcker, auf dem die Interessenkonflikte der Großmächte mit Waffengewalt ausgetragen worden sind. Darüber hinaus war die Region jedoch kaum von Interesse. Kosovo existiert heute am Rande unserer Wahrnehmung. Es gibt, unter anderem mit Afghanistan, andere Schwerpunkte europäischer Außen- und Sicherheitspolitik. Mit dieser Haltung werden wir den Verhältnissen auf dem Balkan, in Kosovo, nicht gerecht. Die Situation dort kann sich im europäischen Sinn oder aber gegen diesen entwickeln. Der Kosovo-Konflikt war unter anderem ein Resultat falscher Prioritäten europäischer Wahrnehmungen. Die Gefahr besteht, dass es dabei bleibt.

 

Der Artikel ist im Original erschienen in der Leipziger Volkszeitung (LVZ) am Freitag, 14. Mai 2010 und in den Dresdner Neuesten Nachrichten (DNN) am Mittwoch, 19. Mai 2010.

 

Lesenswert sind die unten aufgeführten Bücher (ein kleiner Auszug aus meiner Kosovo-Bibliothek). Bei Interesse sende ich die vollständige Bibliografie gern per E-Mail zu. Natürlich bin ich dankbar für jede Literaturempfehlung. Hier gibt es regelmäßig aktualisierte Nachrichten zu Kosovo.

Albrecht, Ulrich / Schäfer, Paul (Hrsg.): Der Kosovo-Krieg. Fakten, Hintergründe, Alternativen. Köln, 1999.

Frashёri, Sami: Was war Albanien, was ist es, was wird es werden. Shqipёria, ç`ishte, c`ështe, ç´do tё bëhet. (erstmals 1899 in Bukarest), aus dem Türkischen übersetzt von A. Traxler, Wien und Leipzig 1913

Herscher, Andrew: Violence Taking Place. The Architecture of the Kosovo Conflict. Stanford 2010.

Hösch, Edgar/Nehring, Karl/Sundhausen, Holm: Lexikon zur Geschichte Südosteuropas. Wien, Köln, Weimar, 2004.

Jordan, Peter / Kaser, Karl / Lukan, Walter / Schwandner-Sievers, Stephanie / Sundhaussen, Holm (Hrsg.): Albanien. Geographie – Historische Anthropologie, Geschichte – Kultur, Postkommunistische Transformation. Frankfurt am Main, 2003.

Judah, Tim: The Serbs. History, Myth and the Destruction of Yugoslawia. New Haven, London, 1997.

di Lellio, Anna (Hrsg.): The Case for Kosova. New York, 2006.

Lukan, Walter / Trgovcevic, Ljubinka / Vukcevic, Dragan / Heuberger, Valeria / Kahl, Thede / Mitrovic, Andrej / Polzer, Miroslav / Polzer-Srienz, Mirjam (Hrsg.): Österreichische Osthefte. Ländersonderband Serbien und Montenegro. J. 47, Wien, 2005.

Lutz, Dieter S. (Hrsg.): Der Krieg im Kosovo und das Versagen der Politik. Baden-Baden, 2000.

Malcolm, Noel: Kosovo. A Short History. London, 1998.

McAllester, Matthew: Beyond the Mountains of the Damned. The War inside Kosovo. New York, 2002.

Polónyi, Carl: Heil und Zerstörung. Nationale Mythen und Krieg am Beispiel Jugoslawiens 1980-2004. Berlin, 2010.

Schirrmacher, Frank (Hrsg.): Der westliche Kreuzzug. 41 Positionen zum Kosovo-Krieg. Stuttgart, 1999.

Schmid, Thomas (Hrsg.):Krieg im Kosovo. Hamburg, 1999.

Sørensen, Jens Stilhoff: State, collaps and reconstruction in the periphery; economy, ethnicity, and development in Yugoslavia, Serbia and Kosovo. New York, 2009.

United Nations (UN) (Hrsg.): Resolution 1244 (1999).S/RES/1244 (1999)

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