Kosovo – herumstreunen, lernen, verirren

Herzlich willkommen im Viertel der Roma in Prizren ;-). Foto: Strahl

Von Tobias Strahl. Nafiz entdeckt mir Kosovo. Der Fotograf aus Prizren gehört der hiesigen türkischen Minderheit an. Nicht das es von Bedeutung wäre, für Nafiz und mich spielt es nur insofern eine Rolle, als das es uns vor ein Verständigungsproblem stellt – mein Türkisch ist so schlecht wie sein Englisch. Wir sprechen serbisch miteinander, und entdecken dabei, dass sich die Verben lutati (herumstreunen) und učiti (lernen) zu dem wohlklingen Wort lučiti verbinden lassen, was dann wohl so viel bedeutet wie „herumstreunend lernen“. Genau das tun wir: lučimo, wir streunen herum und lernen dabei. Das heißt: Ich lerne, Nafiz lehrt mich. Fehlt bloß noch eine Schildkröte, und das Bild wäre perfekt.

Es scheint, als kenne Nafiz jeden Menschen in Kosovo. Alle zwei Schritte bleiben wir stehen, grüßen, reden. Mit den Roma Prizrens unterhält er sich in deren Sprache. Wir besuchen sie in ihrem Viertel, werden sofort von dutzenden Kindern umringt, die für ein Foto in Pose gehen. Für den Abend werden wir zu einer Probe der Theatergruppe der Roma eingeladen, zur Vorstellung selbst, am Tag der Roma, dem 8. April, in das Kulturhaus in Prizren, sowieso.

Du gewinnst. Dein Viertel. Foto: Strahl.

Ich möchte Gjakovë, eine Stadt im Westen Kosovos, besuchen; die Albaner nennen die Gegend nach Lekë Dukagjini, einem albanischen Fürsten des späten Mittelalters, das Dukagjin; einige Serben bestehen hingegen auf dem Namen „Metohija“, das Klosterland, was vom griechischen metochion (μετόχιον), dem Land, das zur Kirche gehört, abgeleitet ist. Es soll die serbischen Ansprüche auf die Region unterstreichen. Wir fahren am frühen Morgen von Prizren nach Gjakovë. Die ganze Fahrt schauen wir auf das zauberhafte Prokletian-Gebirge, im Westen des Dukagjin, ein Ort am Weg heißt Prejlep, „am schönsten“ – wer will da widersprechen?

Katholische Kirche in der Nähe des Ortes Prejlep, auf dem Weg von Prizren nach Gjakove. Foto: Strahl

 

Grabstätte auf dem Friedhof einer katholischen Kirche in der Nähe der Ortschaft Prejlep, auf dem Weg von Prizren nach Gjakove. Foto: Strahl

Das alte Stadtzentrum von Gjakovë, „Čaršije (serb.) / çarshijek (türk.)“, war ganz aus Holz gebaut. Um die Hadum-Moschee gelegen barg es einen traditionellen Basar mit mehr als 600 Geschäften. Im März 1999 wurde das Viertel zerstört, in Brand gesteckt von serbischen Milizen. Die Moschee in seinem Zentrum, erbaut gegen Ende des 16. Jahrhunderts, wurde mit Granaten beschossen. Markt und Moschee sind heute wieder hergestellt, die Oberfläche ist wieder intakt. Nafiz warnt mich: In Gjakovë werden wir nicht serbisch miteinander sprechen.

Hadum- (Khadim-) Moschee (Ende 16. Jh.) in Gjakove. Foto: Stral

In der durch die Nichtregierungsorganisation Cultural Heritage Without Bordes renovierten Moschee treffen wir Bedri Efendi Kida, den Bibliothekar ohne Bibliothek. In dem Feuer 1999 verbrannten fast alle Handschriften der Moschee, Kalligrafie aus mehreren Jahrhunderten ging in Flammen auf. Ähnliches ereignete sich 1992 in Sarajevo, als serbische Verbände die Nationalbibliothek von Bosnien und Herzegowina in Brand schossen. 90 Prozent der etwa drei Millionen Schriftstücke, darunter sowohl Autographen des literarisch-historischen Erbes des zentralen Balkanraums, „niedergeschrieben in verschiedenen dialektalen und chronologischen Entwicklungsstufen der bosnischen, kroatischen und serbischen Sprache und Sprachen anderer slawischer Gemeinschaften“, als auch das Schrift-Erbe der jüdischen Gemeinde Sarajevos sowie zahlreiche persische und tschechische, italienische und russische, französische und ungarische Niederschriften, Handschriften und Bücher, wurden bei dem Brand vernichtet (Golob, 1996). Der Krieg in den Staaten der ehemaligen Republik Jugoslawien war immer auch ein Krieg gegen die Erinnerungen.

Bedri Efendi Kida, der Bibliothekar der zerstörten Bibliothek der Hadum-Moschee in Gjakove mit einer Koran-Handschrift aus dem 19. Jahrhundert. Foto: Strahl

Wir trinken Tee im Garten. Efendi Kida erzählt mir – auf serbisch, trotz allem – von seiner Bibliothek, an die nur noch ein Haufen Steine in einem Winkel des Gartens erinnert. Später erklärt er mir arabische Grammatik und erzählt Anekdoten: Arnauten, eine alte Bezeichnung für Albaner, stammt angeblich vom wütenden Ausruf eines Osmanen: آر أن نعود – Ar An nauwd – „Was für eine Schande, dass wir uns zurückziehen müssen“, soll der Türke nach einer Niederlage im Kampf gegen Einheimische geschimpft haben.

Um die Moschee herum liegen Gräber: Osmanische Aristokratie aus 500 Jahren ist hier beerdigt. Die Schatten der Grabtafeln ähneln menschlichen Konturen. Einmal am Tag umschreiten die Toten die Stätte ihrer Ruhe.

Gräber osmanischer Aristokratie auf dem Friedhof im Garten der Hadum-Moschee in Gjakove. Foto: Strahl

In der Kulturerbestiftung von Gjakovë werde ich mit Literatur versorgt und darf Bilder aus dem Archiv der Stadt auswählen. Ich stoße auf eine Dokumentation von Massenexekutionen von Albanern durch serbische Milizen. Die Bilder übersteigen jedes Vorstellungsvermögen. Kosovo und das Jahr 1999 sind wieder präsent.

Auf unserem Weg zurück nach Prizren fahren wir an einer zerstörten serbischen Kirche vorüber. „Mining“, das Wort benutzen auch die, die noch hier leben; gesprengt wurden sie, die Kirchen der Serben, meist mit Panzerminen, oft mehr als gebraucht wurden, um sicher zu gehen; die Leistung von Ingenieuren, die mit dem Begriff Redundanz etwas anfangen konnten, das Wort Kalkül drängt sich auf. Und wieder einmal verwerfe ich den Plan, den ich mir gerade mühevoll entworfen hatte, die Skizze zur Karte, die ich gezeichnet habe. Ein lächerliches Unterfangen.

Golob, Nataša: Bibliotheken im Krieg (ehemaliges Jugoslawien, 1991-1995). Gazette du livre médiéval, 28, 1996, S. 38-43.

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