Last exit

Von Torsten Klaus. Begrabt mein Hirn an der Biegung des Flusses, forderte einst Wiglaf Droste. Der britische Architekturkritiker Ian Nairn wollte unter der Einflugschneise des Flughafens Heathrow in die Grube fahren. Und Selbstmörder fanden im Vereinigten Königreich einst ihre zweifelhafte letzte Ruhestätte unter – Straßenkreuzungen. Wo das Kümmern so weit ins Jenseits reicht, stellt sich natürlich die Frage: Wohin soll ich einst Kopf und Korpus zur Verwesung betten? Oder soll ich besser gar nicht…? Als Autor hofft man zwar sowieso auf Unsterblichkeit. Aber wenn es wirklich soweit ist, dass der Schnitter mir die Hand auf die Schulter legt und meinen Namen mit Grabesstimme flüstert (so stelle ich mir diese Szene zumindest vor, filmreif und mit dem nötigen Pathos eben, ist ja immerhin mein Abgang), muss vorgesorgt sein. Also gedankenspielen wir vor uns hin.

Einflugschneise? Reicht mir nicht. Begrabt mich besser unter der Rollbahn. Und malt ja kein Kreuz auf den Beton. Lieber ein Möbiussches Band, diese Assoziation der Ewigkeit ist mir ungleich lieber als das Kirchen-T ohne Jesus. Sowieso: Kreuz. Heißt ja nicht umsonst: Das ist aber ein Kreuz. Oder auch: Bürde, Joch, Knechtschaft, Kummer, Unterdrückung, Elend, Leid, Pein, Übel. Sowas will doch niemand ernsthaft auf seinem Grab, sieht aus wie ein Zeichen des Bedauerns für diejenigen, die noch weiterleben (müssen). Das Gute an der Rollbahn ist außerdem, dass sie einen äußerst praktischen Aspekt hat, weder Grabstein noch Blumenrabatte angeraten sind. Es sei denn, man will die Fahrwerke der Flieger testen. Eine pflegeleichte Variante, das ist sicher. Und wurde nicht auch Che Guevara einst unter einem Rollfeld verscharrt? Wir Revoluzzer sind im Tod eben noch skurriler als im Leben. Manchmal jedenfalls.

Mein Hirn an der Biegung des Flusses? Nö. Aber einen Vorschlag für diese Stelle: viele Hirne – vor allem von denen, die die Elbe in Dresden unbedingt von einem – wie schon dem noch am Ufer ruhenden Stahlskelett anzusehen ist – gar grazilen Stück Bedrohungsarchitektur überspannen lassen werden. Gibt es eine andere deutsche Stadt, in der ein allgemeiner Begriff wie “die Brücke” sofort nur eine ins Gedächtnis ruft? Aber ich schweife ab, es geht ja schließlich um Bestattungsrituale. Obwohl: Vielleicht hat die Stadt an dieser Stelle ja wirklich etwas begraben. “Hier ruht das Understatement von D.” könnte die Inschrift am hiesigen Flussufer lauten. Und darüber erstreckt sich nicht die viel zitierte Waldschlößchenbrücke, sondern (Tusch!) – die Bridge of Borniertheit! Indirekte Beweisführung: Im Englischen wird Borniertheit meist mit localism übersetzt. Mein ganz persönlicher Satz im Dresdner Brücken-Kontext: You don’t get much more local than this. Jedenfalls streiche ich die Hirn-Biegung-Fluss-Variante aus meinem persönlichen Endzeit-Katalog. Zu viele dämliche Verknüpfungen, wie man sieht.

Tja, und die Straßenkreuzung? Die lässt bei mir jetzt eher ambivalente Gefühle aufkommen. Ist viel Aufwand heutzutage, müsste man quasi mit einer Straßenbaufirma kooperieren. Ruhe in Frieden unter Bitumen… Außerdem würde das, siehe oben, nur bei einem Suizid in Frage kommen. Jetzt winke aber bitte keiner ab mit der abgedroschenen Floskel auf den Lippen, dass der feige sei. Dass Selbstmord keine Alternative ist, sagen diejenigen, die der Mut vor dem entscheidenden Schritt verlässt – über diese Sichtweise könnte ja zur Abwechslung auch mal nachgedacht werden. Aber ich werde schon wieder grundsätzlich und damit bierernst. Kein gutes Zeichen. Schließlich darf der Tod doch durchaus mit etwas mehr Begeisterung rechnen, oder? Muss ja nicht so eine dröge Mustopf-Zeremonie des Begräbnisses sein, wie es die Tradition will. Für den, der abtritt, ist sowieso alles passé. Schwer haben’s nur die, die zurückbleiben. Daher rührt auch ein Wort wie todtraurig. Da lieber eine Abschiedsparty im Sinne des Oscar Wilde-Satzes, dass die Melancholie die Freude am Traurigsein sei. Also den Sarg offen aufgebahrt im Haus, drumherum Freunde und Musik, reden, trinken, tanzen. So machen’s die Iren. Jetzt habe ich nebenbei schon ein Rezept für meine Trauerfeier ausgestellt. Doch die Grube unterm Pflasterstein, die Gruft unterm sich kreuzenden Asphaltband ist als Liegeplatz zu simpel. Also nix.

Und welche Varianten hatten wir noch nicht? Stehend in meinen Stiefeln? Da wir aus dem Wild-West-Zeitalter raus sind, ist das heute wohl eher was für Dominas. Mausoleum? Pyramide? Nun, mein Ego ist zwar groß genug für meine Wohnung, aber ich will mich doch nicht in der Ewigkeit einmauern lassen, zuviel der zweifelhaften Ehre. Das überlass ich dann doch dem Wahn der Diktatoren. Und ganz einfache Verbrennung? Da versau ich mir im Abgang endgültig die CO2-Bilanz, wenn die ganzen bekannten und vor allem die unbekannten Oxide meines Körpers die letzte Auffahrt nehmen. Komplett gestrichen.

Also bleibt der Reiz der Rollbahn, dieses finale Zusammengehen von Immobilität (ich, dann) und globalem Bewegungstrieb. Ich wäre da auch wirklich bescheiden, man müsste nicht mal einen Terminal nach mir benennen (der Münchner Franz-Josef-Strauß-Flughafen hat ja auch was von einem Mausoleum) oder mein Foto mit Trauerrand hinter den Charterflug-Schaltern aufhängen. Aus dem Miles&More-Programm würde ich dann aber endgültig aussteigen. Oder lassen sich die Punkte bei der Fahrt über den Styx doch noch einlösen? Wenn ja, plädiere ich für einen passenden Namen: Rest For Less. Obwohl ich damit die Exklusivität meines Ruheplatzes aus der Hand gebe. Dann liegen überall Vielflieger neben mir. Verflixt, ich muss meine Gedanken wohl nochmal neu auf die Reise schicken. Vielleicht ja doch lieber Kryonik.

Kommentare

  • “Und welche Varianten hatten wir noch nicht?”
    Tusch- wie wärs mal mit Leben-?
    Dieses ist ungleich schwerer als fantasiebegabt die eigene Löffelabgabe zu inszenieren.

Diskutieren Sie mit: