LLC Books: Amerikanischer Verlag verkauft offenbar Wikipedia-Artikel als “Bücher” bei Amazon

Umschlagseite eines "Buches" aus dem LLC-Verlag. Quelle: Amazon.


Von Tobias Strahl. Im Rahmen meines Dissertationsprojektes suchte (und suche) ich nach Publikationen, die Belagerung und teilweise Zerstörung von Sarajevo während des Bürgerkrieges im ehemaligen Jugoslawien (1992-1995) thematisieren. Ich bin bekennend bibliophil – ich kaufe die Bücher, die ich lesen möchte, gern. Bei Amazon stieß ich auf den oben abgebildeten Titel zum Preis von 23,13 Euro (neu) und 17,63 Euro (gebraucht). Der Titel “Conflicts in 1995: Operation Storm, Cenepa War, Siege of Sarajevo, Yugoslav Wars, Kibeho Massacre, Tuareg Rebellion, Somali Civil War [Taschenbuch]” verspricht eine vergleichende Darstellung auf 126 Seiten, die es in sich hat; das Angebot verfügt zudem über eine ISBN-Nummer – alles, was zu einem “echten Buch” eben so dazugehört. Und jetzt kommt der Hammer: Auf der Suche nach dem Sitz des LLC-Verlages für die Bibliografie meiner Arbeit – Fußnoten sind ja seit kurzem wieder kriegsentscheidend – stieß ich im Internet auf einige Artikel, die sich mit dem LLC-Verlag auseinandersetzen. Die “Bücher”, die der Verlag, unter anderem über Amazon, vertreibt, sind offenbar aus Open-Source-Angeboten generierte Artikel (unter anderem von Wikipedia), die durch den LLC-Verlag gebunden und als “Buch” zum Verkauf angeboten werden.

Giesbert Damaschke warnt im Blog “ASmI-News / Neuigkeiten und Informationen zu Arno Schmidt und Umfeld” vor dem LLC-Verlag. Damaschke referiert einige Beispiele von Lesern, die auf das “Angebot” des Verlags “hereingefallen” sind und statt neuer Publikationen, etwa zu Arno Schmidt, ausgedruckte und gebundene Wikipedia-Artikel zum Preis eines vollwertigen Buches gekauft haben. Die Titel der beworbenen “Publikationen”, schreibt Damaschke, werden offenbar automatisch aus Wikipedia-Einträgen generiert.

Andreas Weigel zeigt an einer “Publikation” des LLC-Verlags zu James Joyce mit dem klangvollen Titel: “James Joyce: Ulysses, Hans Wollschlager, Dubliner, Finnegans Wake, Nora Barnacle, Siegmund Feilbogen, Adolph Johannes Fischer, Fluviana” , dass es sich bei dem “Buch” ausschließlich um Wikipedia-Artikel handelt. Besser noch: Statt neuen Aufsätzen zum Thema fand er im “Buch” acht alte Schriften wieder – aus seiner eigenen Feder.

Laut Giesbert Damaschke sind die Praktiken des LLC-Verlags völlig rechtskonform. Es gibt offenbar kein Gesetz, das den Verkauf von zu Kompendien gebundenen Open-Source-Artikeln verbietet.

Beim Durchgehen der Liste aller zu meinem Thema in Beziehung stehenden Publikationen bei Amazon erschienen seitenweise “Bücher” des LLC-Verlags. Sich auf Angaben von Amazon berufend, schreibt Damaschke, dass der Bücherriese 5227 Titel des LLC-Verlags im Anbegot führt. Das war allerdings im August 2010 – dem Zeitpunkt des Posts von Damaschke. Mittlerweile dürften es ein paar mehr sein.

Den Artikel “Siege of Sarajevo” habe ich mittlerweile gelesen – auf Wikipedia. Mein Geld spare ich lieber für “echte” Bücher. So wichtig sind mir die Fußnoten dann doch nicht.

P.S.: Selbstverständlich kann man bei Wikipedia auch einen Artikel zum LCC-Verlag nachlesen.

3 comments

  • Das ist ja unfassbar! Und dann auch noch zu diesen Preisen! Ich bin erschüttert und zweifle an unseren Gestzen, die dieses Unbill auch noch erlauben.

  • Schlimmer wie unser neunvornamiger Baron – selbst auch Wikipedia-Opfer – es sei denn, seine Diss hat sich gut verkauft.

  • […] Dresdner Blog »Sehnsuchtsort« berichtet über einen Verlag »Books LLC«, der Informationen aus der Wikipedia drucken lässt und verkauft. […]

Diskutieren Sie mit: