Magnum cum laude: Huldigung des Fotojournalismus

Von Torsten Klaus. Dieses Bild ist weltberühmt: der republikanische Freiwillige im Moment seines Todes, entstanden im September 1936 im Spanischen Bürgerkrieg. Der Name des Fotografen: Robert Capa. Unabhängig von Debatten jüngerer Vergangenheit, ob die Aufnahme echt oder gestellt war (auch der 2007 aufgetauchte sogenannte mexikanische Koffer, der die Filmrollen Capas aus der Zeit jenes Krieges enthielt, blieb das Negativ schuldig), wage ich die These: Capa war seiner Zeit weit voraus. Das zeigt sich in unseren Tagen, wo die Bedeutung der Dokumentarfotografie immer weiter schrumpft. Die von Capa 1947 mitgegründete Fotoagentur Magnum jedenfalls ist seither ein Fels in der Brandung der immer stärker anschwellenden Bilderfluten. Das beweist die Ausstellung „Magnum. Shifting Media. New Role of Photography“ in der Berliner Galerie C/O ein weiteres Mal.

Robert Capa - Fallen Soldier title=
Robert Capa - Fallen Soldier

Warum Capa schon die Zukunft vorwegnahm? Gesetzt den Fall, das erwähnte Foto ist echt: Es wäre ein Meilenstein des Dokumentarbildes, etwas, wohin der (noch) existierende Bildjournalismus um seines eigenen Überlebens willen wieder streben müsste, against all odds. Wäre das Bild aber gestellt, dann hätte Capa dem Krieg ein Sinnbild kreiert. Er hätte zum Mittel der Inszenierung gegriffen, vielleicht aus der Situation heraus, vielleicht sehr bedacht. Capa hätte in diesem Fall ein Bild produziert, das einem Kulminationspunkt gleicht: Alle metaphorischen und tatsächlichen Befindlichkeiten des Krieges scheinen in das Foto eingraviert. Wie sonst wäre es möglich, dass diese Fotografie wie nur wenige andere zum Bildgedächtnis des 20. Jahrhunderts zählt?

Doch Capas bekanntestes Bild ist in Berlin nicht zu sehen. Er wird von einer viel unbekannteren Seite gezeigt: als Chronist des jungen Staates Israel. Auch seine Magnum-Gründerkollegen Henri Cartier-Bresson, George Rodger und David Seymour bekommen je einen Raum: Cartier-Bresson in seiner Rolle als erster westlicher Fotograf, der in der Sowjetunion akkreditiert wurde, Rodger als Chronist der Befreiung des Konzentrationslagers Bergen-Belsen. Seymour dagegen ist vertreten mit seinen Aufnahmen aus dem Spanischen Bürgerkrieg, nicht weniger fesselnd als Capas Arbeiten.

Robert Capa - Israel near Jerusalem 1949
Robert Capa - Israel near Jerusalem 1949

Seymour und Capa waren sich vielleicht am ähnlichsten aus diesem Quartett: Sie blieben der Kriegsfotografie verbunden auch nach Ende des zweiten Weltkrieges, beide starben als Berichterstatter, Capa 1954 in Indochina, Seymour zwei Jahre später bei der Suez-Krise. Rodger dagegen wollte keine solchen Bilder mehr machen, Bergen-Belsen hatte ein Trauma ausgelöst. Wer die Fotos sieht, versteht. Cartier-Bresson war dagegen ein Dokumentarist des Zivilen, auch hinter dem Eisernen Vorhang. Seine Fotos aus der Sowjetunion sind Abbilder eines im Westen damals unbekannten Lebens – selbst wenn sie in den Veröffentlichungen von Life bis Stern natürlich einen dramatisch anmutenden Kontext verpasst bekamen. Auch das ist eine Blaupause des kalten Krieges.

Henri Cartier-Bresson - USSR
Henri Cartier-Bresson - USSR

In der Galerie C/O wird der Bogen geschlagen von jenen alten Kämpfern bis zur „jungen Garde“ Magnums. Die Agentur zählt heute 40 Vollmitglieder und 16 Korrespondenten, hat Niederlassungen in Paris, London, New York und Tokio. Die Nachfolger von Capa & Co. setzen dabei ganz selbstverständlich eigene Akzente. Überzeugend vor allem der junge Jonas Bendiksen mit seinen Reportagen aus der russischen Altai-Region, wo er ungewöhnliche Himmelssucher porträtiert: Familien, die bei Raketenstarts darauf warten, dass ausgebrannte Brennstufen und anderer Schrott den Weg nach unten finden, wo sie ihn auseinandernehmen und einsammeln. Der Südafrikaner Mikhael Subotzky schaut dagegen in die Gefängnisse seines Landes, ähnliches macht Donovan Wylie in Nordirland. Allen gemeinsam ist das Darstellen sozialer Zustände, indem sie sich an die Ränder der Gesellschaft begeben. Von dort ist der Blick zurück ins Zentrum klarer.

Am großartigsten entfaltet sich der Impetus der Schau an ihrem Ende, bei der Bilder-Installation „Off Broadway“ von fünf Fotografen: Antoine D’Agata, Thomas Dworzak, Alex Majoli, Paolo Pellegrin und Ilkka Uimonen. Auf dem Weg zum Finale durchläuft der Besucher zuerst eine Galerie der Tränen: hunderte Gesichter, in Schmerz, Trauer, Angst, Agonie miteinander verkettet, jedes allein eine Anklage, zusammen eine Welle. Einen Raum dahinter, im Dunkel, die Diafolge von Szenen, denen Kriege, Konflikte, Auseinandersetzungen Klammer sind. Kein Weltschmerz, sondern ein Schmerz an der Welt, untermalt von düsteren Klängen. Dramatisierung ohne Übertreibung.

Magnum-Fotografen von damals und heute zeigen in mehr als 200 Fotografien, was geblieben ist bei der Agentur: Anspruch, Integrität. Beide sind teuer und doch unbezahlbar. Ein Blick in die frühen Jahre fördert dabei gar Witziges zu Tage. Ein Detail dürfte eher bekannt sein: Capas Vorliebe für die Magnum-Flaschen Champagner soll nicht unwesentlich zur Namensfindung beigetragen haben. Das andere Detail ist eine bleibende Anekdote: Capa wettete, setzte gern auf Pferde. Dabei muss er gar nicht so schlecht gewesen sein. Immerhin gelang es ihm mit den Gewinnen offenbar, Magnum aus der einen oder anderen finanziellen Bredouille zu befreien. Das zumindest legt ein ebenfalls in der Ausstellung gezeigter Film nahe.

Die Galerie C/O feiert mit dieser Schau übrigens ihren zehnten Geburtstag. Es dürfte der letzte in den Räumen des alten Postfuhramtes auf der Oranienburger Straße sein. Ein Investor will das Gebäude in ein Hotel mit Ladengalerien verwandeln. Die Ausstellung wird so zum bitteren Abschied. Bilder gegen den Lauf der Welt. Er lässt sich nur selten aufhalten. Und doch kommt es immer auf einen Versuch an.

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