Meckern und Umarmen – Europa rein menschlich

 

Belgrad, Stadtansicht vom Westufer der Save. Foto: Tobias Strahl.

 

Von Tobias Strahl. Ich halte mich, was die großen politischen Zusammenhänge anbelangt, für so dumm oder so klug wie die meisten Menschen in meinem Bekanntenkreis – von befreundeten Politikwissenschaftlern abgesehen. Ich habe Angst vor Europa und ich freue mich über die europäische Idee, je nachdem, auf welchem Fuß sie mich erwischt.

 

In den Europäischen Betrachtungen André Gides finde ich mich in folgender Passage wieder: „In Wirklichkeit interessieren mich die politischen Fragen weniger und erscheinen sie mir weniger bedeutsam als die sozialen Fragen; die sozialen Fragen weniger bedeutsam als die moralischen Fragen. Ich glaube, dass die Mehrzahl der ersteren sich auf diese letzteren zurückführen lässt und dass wir bei allem, was wir heute beklagen, besser täten, die Schuld nicht in den Einrichtungen, sondern im Menschen zu suchen – und dass es zuvörderst und vor allem gilt, den Menschen zu reformieren“.

Ich reise (gern in Gesellschaft), beobachte, unterhalte mich und fotografiere. Ein aufmerksamer Freund schenkte mir vor einer längeren Reise Susan Sontags Essays zur Fotografie. Dort heißt es an einer Stelle: „Wie Fotografien dem Menschen den imaginären Besitz einer Vergangenheit vermitteln, die unwirklich ist, so helfen sie ihm auch, Besitz von einer Umwelt zu ergreifen, in der er sich unsicher fühlt. […] Fotos sollen den unwiderleglichen Beweis liefern, dass man die Reise unternommen, das Programm durchgestanden und dabei seinen Spaß gehabt hat“. Ich musste schlucken, als ich diesen Abschnitt das erste Mal las. Ich fotografierte also, erfuhr ich, weil ich Angst hatte und darüber hinaus insgeheim ein Trophäensammler war.

Tatsächlich macht Europa auch Angst. Man muss dieser Tage nur in Richtung Osten blicken, um zu verstehen, warum. Auch die Bedenken der Menschen in Griechenland, Portugal und Spanien gegenüber Europa sind, begründet oder nicht, ernst zu nehmen.

In Belgrad unterhielt ich mich vor einiger Zeit bei einer Unmenge Rakija mit einem Studenten (übrigens ein Politikwissenschaftler), der kurz vor dem Abschluss seiner Dissertation stand. Dessen Skepsis gegenüber der europäischen Idee war kaum zu überhören. Er sah vor allem eine Wirtschaftsunion, wenn er das politische Europa analysierte, weniger die Einheit einer kulturellen Vielfalt. Nach seiner Deutung folgte der europäische Einigungsprozess derselben ökonomischen Theorie, die einst die Nationalstaaten geformt hatte.

Zu berauscht vom Rakija, um meinen Gesprächspartner an diesem Abend noch folgen zu können, bat ich ihn später, seine Bedenken für mich zu notieren. Etwa ein halbes Jahr nach meiner Rückkehr aus Serbien – ich hatte die Unterhaltung längst vergessen – erhielt ich eine E-Mail, von der ich hier einen kurzen Auszug wiedergeben möchte: „Während die Verschiedenheiten der europäischen Mitgliedsstaaten in Museen beerdigt werden, um dort als Relikte einer angeblich gemeinsamen Vergangenheit bestaunt zu werden, verwandeln sich die Innenstädte von Belgrad, Berlin und Brüssel in einförmige Kaufhäuser mit je den gleichen Ladenketten. […] Zwangsläufig war die erste greifbare große europäische Gemeinsamkeit das Geld, die europäische Währung. Wie viel von dieser Reserve wird auf Versuche verwendet, die blutleeren Figuren der europäischen Kulturen in ihren Nischen am Leben zu erhalten, während der Appetit der Menge im Gegensatz dazu nach Schnellrestaurants und Supermarktketten verlangt, die überall die gleichen sind, die immer wiedererkannt werden und an jedem beliebigen Ort die gleiche Qualität ihrer Produkt versprechen müssen? So geht es fort über eine allen gemeinsame Sprache, die ‚lingua franca‘ Europas, ein allen gemeinsames rudimentäres Englisch, zu wenig, um Shakespeare im Original zu lesen, ausreichend jedoch, um in Budapest Schuhe zu kaufen oder in Bratislava Bier und Schnitzel zu bestellen. Auf diesem Weg schließlich gelangen wir zu der Gewissheit, dass der stärkste Europäer immer auch der stärkste Ökonom sein muss. […]  Interessant ist, dass der Nukleus der europäischen Idee die Gründung einer Produktionsgemeinschaft für Kohle und Stahl war.

Dazu passt wiederum eine Einlassung der großen Susan Sontag, angesichts der Untätigkeit Europas während des vierjährigen Beschusses  Sarajevos in Bosnien und Herzegowina von 1992 bis 1996: „Es geht darum, dass dieses Europa, das seit dem Endsieg des Kapitalismus im Jahre 1989 aufgebaut wird, völlig andere Interessen hat. Interessen, welche alle Fragen nach Gerechtigkeit irrelevant erscheinen lassen – in der Tat alle moralischen Fragen überhaupt […] Ein Europa, das ganz auf Spektakel, Konsum und Händeringen ausgerichtet ist – aber verfolgt wird von der Angst, nationale Identitäten könnten entweder vom gesichtslosen multinationalen Kommerz oder von Immigrantenwogen aus armen Ländern überrollt werden“.

Ein Stück weit finde ich mich sowohl in der Aussage Gides als auch in denen meines serbischen Freundes und Susan Sontags wieder. Europa macht auch mir Angst. Mich ärgert das Primat der wirtschaftlichen Argumente, der unbedingte Vorrang wirtschaftlicher Beziehungen, die scheinbare Abhängigkeit selbst der Menschlichkeit von wirtschaftlichen Begründungen; es macht mich verrückt, wenn selbst der unglaubliche kulturelle Reichtum Europas mit ökonomischen Vorzeichen versehen wird. Wenn ein Projekt von Fördermitteln abhängig ist, wenn ein Museum, ein Theater „sich rechnen“ muss, um existieren zu können.

Andererseits will ich Susan Sontag und meinem serbischen Freund heftig widersprechen. Ja, ich habe auch Angst vor Europa und ich glaube, dass diese Angst ein Stück weit begründet ist. Doch niemand, es sei denn ich selbst, kann mir diese Angst nehmen – kein Staat, kein Politiker, nicht die großen unbekannten “Sie”, die angeblich für alles verantwortlich zeichnen. Meine Art, diese Angst zu überwinden, ist es, „Trophäen zu sammeln“ wie Susan Sontag völlig zu Recht schreibt. Schließlich sind es die Positionen und die Bilder meiner Freunde (in Europa und darüber hinaus), die ich zusammentrage. Die Möglichkeit dazu verdanke ich – Europa, das als abstrakter Begriff ebenso gut oder schlecht ist, wie jeder Begriff. Ich selbst muss ihn mit Bedeutung füllen. Und da bin ich wieder bei Gide: „Ich glaube […] dass wir bei allem, was wir heute beklagen, besser täten, die Schuld nicht in den Einrichtungen, sondern im Menschen zu suchen – und dass es zuvörderst und vor allem gilt, den Menschen zu reformieren“.

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