Mehr als ein Sieg für Japan – Ein kurzer WM-Nachklapp

Von Torsten Klaus. Es gibt unterschiedliche Zahlen: 170 Zentimeter, 168 Zentimeter. Nicht, dass es einen großen Unterschied machen würde. Kaum für die Statistik, noch weniger für Ayumi Kaihori. Die Körpergröße der japanischen Torfrau verhinderte jedenfalls nicht, dass sie im Tor des neuen Frauen-Fußball-Weltmeisters eine gute Figur machte, im Gegenteil. Sie widerlegte allein den, sagen wir wohlwollend: sperrigen Claus-Lufen-Satz: “Auch größenmäßig ist es der größte Nachteil, dass die Torhüter in Japan nicht die allergrößten sind.”

Ayumi Kaihori – bitte halblaut wiederholen, dass sich das einprägt. Mit ihrem amerikanischen Pendant Hope Solo verbinden viele ein Bild, Ausstrahlung, Coolness. Ihren Namen kennt man. Den die Japanerin sollte man kennen, spätestens nach dem Finale, einem der besten Spiele, die der Frauen-Fußball je gesehen hat. Ayumi Kaihori war praktisch fehlerlos: auf der Linie, im Herauslaufen, im Strafraumspiel, vor allem aber im Runterpflücken von Flanken. Es ist eine semantische Zuschreibung, und sie muss nicht ganz stimmen, für mich aber lag darin der finale Unterschied: Solo war cool, Kaihori war sicher. Das galt selbst im Elfmeterschießen.

Außerdem spielten die Japanerinnen eigentlich im gesamten Turnier modernen Kurzpass-Fußball: flach, genau, durchdacht. Wer wollte, konnte das spätestens beim Sieg gegen Deutschland beobachten. Besonders im Gegensatz zur Fehlpassquote der Gastgeberinnen zeigte sich, wie das Spiel dominiert wird: mit Ballsicherheit. In diese Kategorie fielen auch die Französinnen, die im Halbfinale den USA spielerisch mindestens ebenbürtig waren, im Spiel um Platz drei gegen Schweden sogar besser.

Doch zurück zum neuen Weltmeister. Es ist nicht nur der Bonus des Außenseiters, der ihn zu einem sympathischen Champion macht. Die japanischen Spielerinnen brachten gleich zwei entscheidende Kunststücke fertig. In der Abwehr wurden im Endspiel fast alle hohen Bälle durch geschicktes Stellungsspiel gut verteidigt (Ausnahme war das Tor von Abby Wambach). Im Angriff dagegen waren Kopfbälle so gut wie nie eine Variante. Verschieben der Räume, steile Pässe – daraus entstand Gefahr. Aus dem Nachteil fehlender Kopfball-Angriffsstärke wurde der Vorteil eines perfektionierten Passspiels. Weltmeisterlich.

Naheliegend, dass vielerorts nun der WM-Titel als Hoffnung für ein von Natur- und Reaktorkatastrophen gebeuteltes Japan gesehen wird. Noch grundlegender aber könnte etwas anderes sein. Der Sieg der japanischen Frauen, jung und in einer auch im Land der aufgehenden Sonne als Männerdomäne gehandelten Sportart wie Fußball erfolgreich, könnte zumindest auf lange Sicht die Insel mehr erschüttern als so manches Beben. Der Sieg war eine Kollektivleistung – typisch japanisch, könnte man sagen. Doch er war es nur im Zusammenspiel mit individueller Klasse, mit einem Selbstbewusstsein, das als Understatement durchgeht. Ob dieses Selbstbewusstsein der japanischen Gesellschaft und ihrem bisherigen stark konservativ geprägten Frauenbild zu Änderungen verhilft, muss die Zeit zeigen. Aber auch dieser Sieg wäre zu wünschen.

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