Mehr vom weißen Fleck – Theaterfestival Off Europa endet mit albanisch-kosovarischer Filmnacht

Von Tobias Strahl. Das in Leipzig und Dresden parallel stattfindende Theaterfestival Off Europa hat sich am Freitag mit einer albanisch-kosovarischen Filmnacht verabschiedet. Etwa 20 Gäste hatten den Weg ins Societaetstheater in Dresden gefunden. Drei Dokumentarfilme zu Albanien und Kosovo sowie zwei Spielfilme mit Blick auf die jüngeren Entwicklungen in der Region sollten den „weißen Fleck“ Albanien und Kosovo etwas farbiger erscheinen lassen, was recht gut gelungen ist.

Es war tatsächlich der entspannte Klubabend, den die Veranstalter im Programmheft angekündigt hatten. Nach einer kurzen Annäherung durch die sympathisch-ironische rbb-Produktion 1-2-3 Istanbul, in der Katrin Bauernfeind und Henning Wehland mit einem Minibus durch Südosteuropa touren, sahen die etwas mehr als eine Handvoll Zuschauer zunächst die konventionell produzierte Dokumentation Albanien – Traum und Wirklichkeit der Österreicherin Claudia Pöchlauer.

Bemerkenswert unkonventionell hingegen kam Njëzet Vjeç (20 Jahre alt (2010)) des Albaners Borin Leka, der zweite Film an diesem Abend, daher. Die an der ersten privaten Filmschule Albaniens produzierte Dokumenation ist mehr Flackern als Film, mehr unruhiges Aufblitzen von alternierend dargebotenen verstörenden und versöhnlichen Motiven als stringente Dokumentation; die schnellen Wechsel des Schnitts, die wackelige Kamera, darauf abgestimmte audiovisuelle Reize, die nie länger als ein paar Sekunden andauern, und die nahtlos von Hip Hop zu Rock, zu Volksmusik und wiederum in Stille übergehen; dazwischen eingeblendete Interviews, oft nur halb eingefangene Phrasen sowie emotionale Statements bilden den Duktus des Films.

Diese anarchische Mischung verdichtet sich trotz ihrer scheinbar beliebigen Aneinanderreihung zu einem eindringlichen Charakterportrait der südostalbanischen Stadt Korça, wie es mit einer konventionellen Reportage sicherlich nur schwer zu erreichen gewesen wäre.

Njëzet Vjeç ist in mehrerlei Hinsicht bemerkenswert. Der Film ist integer; Borin Leka spricht vor allem zu seiner Generation – den Zwanzigjährigen. Das tut er in einem filmischen Idiom, das trotz seiner zunächst verstörenden Elemente auch ferner Stehenden, die bereit sind, sich auf Lekas Diktion einzulassen, zugänglich bleibt. Darüber hinaus bietet der Film durch seine spezifischen formalen Mittel ein selbstreflexives Moment, indem er den paradoxen Charakter des Genres implizit zum Thema macht. Leka reflektiert die nicht zu hintergehende Bindung der vermeintlich objektiven Dokumentation an individuelle Wahrnehmung und die sich daraus ergebende größere Nähe zur Dichtung. Die vermeintliche Leistung der Dokumentation, die in der objektiven Abbildung von Realität bestehen soll, wird als Illusion entlarvt. Die tröstliche Stabilität der Perspektive ist eine Konstruktion, die einer als instabil und verstörend wahrgenommenen Realität widerspricht.

In beiden Filmen ist es immer wieder die Isolation Albaniens innerhalb Europas, auf die hingewiesen wird. Enge, eklatanter Mangel an Freiheit, der Freiheit sich zu verbinden, sich auszutauschen, den eigenen Horizont über das Bekannte hinaus zu erweitern, sind die Motivationen einer Generation junger Albaner, die Erstaunliches in ihrem Drang nach dieser Freiheit vollbringen. Ein Drängen, das in Westeuropa seinen bisherigen Widerhall in zahlreichen irrationalen Ängsten findet. Dabei sind es in jüngster Zeit – von wenigen Ausnahmen abgesehen – gerade kulturelle Botschaften auf hohem Niveau, die uns von dort erreichen. Wir müssen unser Bild von dieser Region revidieren, war eine wesentliche Botschaft dieses Abends.

Leider erfährt in der anschließenden Aufführung von Gernot Stadlers Doku Kosovo – Das gekappte Rettungsseil (2008), die lediglich 20 Minuten unkommentierte Auszüge aus Stadlers 52-minütigem Film bietet, der bis dahin schlüssige Abend eine erste Zäsur.

 

Stadlers Film ist, trotz seines geringen Alters, vor dem Hintergrund eines sich in rasanter Geschwindigkeit verändernden Kosovo nur noch teilweise aktuell. Die Veranstalter räumen das ein und zeigen demgemäß lediglich Ausschnitte aus dem Film; sie bieten eine Auswahl, die ihnen aus ihrer sehr spezialisierten Perspektive heraus aktuell und plausibel erscheinen mag. Für ein Publikum jedoch, das zum ersten Mal mit diesem Thema konfrontiert wird, sind etwa die auf diese Art aus dem Zusammenhang gerissenen, selbstverliebten und einseitigen Postulate des politischen Kopfes der Vetëvendosje!-Bewegung (Selbstbestimmung!), Albin Kurti, ohne kritisch-kommentierende Erläuterung kaum zu gustieren und noch schwerer verdaulich. Der Umstand, dass Stadlers Film aus der Zeit vor der Unabhängigkeitserklärung Kosovos im Februar 2008 stammt und schon daher kaum mehr aktuell ist, ist ein weiterer möglicher Einwand.

Charlotte Siegerstetter, die eigenen Angaben zufolge mehrere Jahre in Albanien gelebt hat und die den Filmabend im Societaetstheater moderierte, erweist sich als überaus kompetente, dem Thema gegenüber einfühlsame Gastgeberin. Doch sie und ihre Mitstreiter wollten offenbar zu viel auf einmal vermitteln. So gab es nur eine kurze Verschnaufpause zwischen den Dokumentarfilmen. Von diesen ging Siegerstetter nahtlos zu den sich anschließenden Spielfilmen über. Leider kam auf diese Weise eine kontroverse Diskussion, zu der reichlich Anlass bestanden hätte, gar nicht erst zu Stande. Der den Filmen komplementäre Teil – ihr Publikum – blieb außen vor. Es nahm so nicht wunder, dass einige der wenigen Besucher nach den Dokumentarfilmen das Societaetstheater verließen. Ihre Eindrücke, Fragen und Anmerkungen blieben unausgesprochen und konnten nicht diskutiert werden.

Von diesen wenigen Wermutstropfen abgesehen, muss jedoch das lang überfällige Engagement, das den Blick verstärkt auf diese Region lenkt, betont und ausdrücklich begrüßt werden. Leider hat das Off Europa Theaterfestival auch in seinem 20. Jubiläum (!) nicht die verdiente Resonanz gefunden. Albanien und Kosovo – auf die das Festival 2011 geografisch Bezug genommen hat – bleiben überwiegend weiße Flecke auf der Landkarte – wenn auch um einige Farbtupfer bereichert. Das dürfte sich jedoch schneller ändern, als gemeinhin angenommen wird. Noch ist in den beiden Ländern etwas zu finden, was hierzulande längst verloren scheint. Frau Siegerstetter und ihre Mitstreiter haben das glaubhaft vermitteln können.

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