Messestadtpunks

Die polnische Kultband Dezerter und Punk-Legenden der DDR  feiern ihre eigene Art Wiedervereinigung.

Sänger Paul Gloom und Bernd Stracke. Foto: Tobias Strahl.
Sänger Paul Gloom und Bernd Stracke. Foto: Tobias Strahl.

Von Tobias Strahl. Der Saal kocht. Die Luft in dem alten Lichtspieltheater im Leipziger Stadtteil Connewitz ist kaum mehr zu atmen. Paul Gloom, Bernd Stracke und E-Gitarrist „Reudnitz“ schreien über den Bühnenrand gebeugt den Refrain eines Liedes in ihre Mikrofone, den die tobende Masse unter ihnen wie aus einer Kehle mitsingt: „Ich bin alt genug allein zu geh’n / Ich will die ganze Scheiße nicht mehr sehn / Wie ihr meine Zukunft raubt / und für das kämpft / an das ihr selbst nicht mehr glaubt“. Zwischen Stracke, Gloom, „Reudnitz“, dem Bassisten Maik „Ratte“ Reichenbach und Schlagzeuger Klemens „Klemi“ Rebbelmund singt, springt und tanzt Der Chor, ein Ensemble von etwa 25 Sängerinnen und Sängern, das gemeinsam mit den Musikern den DDR-Punk-Klassiker „Ohne Sinn“ intoniert.

Es fällt schwer, die Emotionen auf der Bühne angemessen zu deuten. Eine Mischung aus ungebändigter Freude einerseits und unverhohlener Wut andererseits lässt Stracke, Gloom und Reudnitz förmlich explodieren. Drei Jahrzehnte sind vergangen, seit Strackes Band L’Attentat regelmäßig in Berlin, Leipzig und Halle auftrat. Der permanente Konflikt mit der DDR-Obrigkeit, Stasi-Terror und Strafverfolgung sorgten für ständig wechselndes Personal bei den wenigen Punk-Bands der Republik. Um 1982 formierten sich Wutanfall, Stracke stieg als Sänger bei HAU ein, sang jedoch bald auch für Wutanfall. Schließlich gründeten er, Maik Reichenbach (Bass) und Imad (E-Gitarre) L’Attentat, die zu einer der bekanntesten Punkbands der DDR wurde. Ihre Auftrittsorte waren vor allem Kirchen und Kellerräume, das Publikum bestand aus kaum mehr als einer Handvoll Enthusiasten. Wie diese waren auch L’Attentat ständig im Konflikt mit den paranoiden Wachhunden der DDR: der Staatssicherheit, der Polizei und den Ordnungsgruppen der FDJ. Im Lichtspieltheater UT Connewitz haben sie sich am vergangenen Freitag zu einer etwas anderen Wendefeierlichkeit wiedergetroffen. Ein gemeinsames Konzert wollten sie geben. Verstärkt wurden sie dabei unter anderen von Musikern der Band Der Schwarze Kanal, einem Nachfolgeprojekt von L’Attentat. Alle Diejenigen sollten in einem Raum aufeinandertreffen, die Stasi und Polizei in den achtziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts erfolgreich auseinandergetrieben hatte. Sie wollten eine Erinnerung feiern an eine Zeit, in der ebenso viel Aufbegehren war wie Schäbigkeit gegen dieses Aufbegehren – mit Bespitzelung und Verrat in den eigenen Reihen. Vielleicht war ihre Feier am 3. Oktober so etwas wie der berühmte gestreckte Mittelfinger gegen die, die damals die Stärkeren geblieben waren und schließlich doch gegen sie verloren hatten.

Reudnitz (vorn) und Bassist Maik "Ratte" Reichenbach. Foto: Tobias Strahl
Reudnitz (vorn) und Bassist Maik “Ratte” Reichenbach. Foto: Tobias Strahl

Als Stracke in den frühen achtziger Jahren „Ohne Sinn“ das erste Mal sang, war er wenig mehr als zwanzig Jahre alt und die Punk-Bewegung in der DDR ein junges Phänomen. Die Szene war überschaubar, ihre Zentren lagen zunächst in Berlin und Leipzig, später kamen Halle, Erfurt und Rostock dazu. Die Protagonisten kannten sich untereinander. Punks aus Berlin fuhren zu Konzerten nach Leipzig und umgekehrt. Von der Handvoll Punk-Bands, die es gab, waren wenige einem größeren Publikum bekannt. Neben Wutanfall, Namenlos und Planlos hatten sich auch Strackes L’Attentat eine größere Zuhörerschaft erspielt. Wenn Stracke mit selbstbemaltem T-Shirt, Nietenarmband und toupierten Haaren durch die Leipziger Innenstadt zog, wurde er zuerst belächelt. Die Leipziger konnten das neue Bild ebenso wenig einordnen wie die Staatsorgane. „Der Punk sozialistischer Prägung war zunächst ein Kinderkreuzzug gegen die allgegenwärtige Langeweile“, schreibt der Berliner Künstler Henryk Gericke, damals selbst Punk und heute einer der Chronisten der Bewegung in der DDR.

Schlagzeuger Klemens "Klemi" Rebbelmund. Foto: Tobias Strahl.
Schlagzeuger Klemens “Klemi” Rebbelmund. Foto: Tobias Strahl.

Doch in dem Maße, wie sich der Punk als Bewegung politisierte und aus dem „Kinderkreuzzug“ ein echtes Aufbegehren wurde gegen Gleichmacherei, Ideologie und politische Bevormundung, nahmen ihn die Behörden der DDR als Bedrohung wahr. Im Sommer 1983 wies Stasi-Chef Erich Mielke die Sicherheitsorgane der DDR an, die „Samthandschuhe“ im Umgang mit den Punks „auszuziehen“. Stracke war zu diesem Zeitpunkt noch Sänger von HAU. Zur Formation gehörten Maik Reichenbach und Gitarrist Imad. Letzterer wird von seinen damaligen Freunden als wortgewandte, ideenreiche Führungsfigur beschrieben. Mit kompromisslosen politischen Statements und Tatendrang begeisterte er die Szene. Er galt als Vorbild. Diejenigen, die ihm, angeregt durch sein Auftreten, nacheiferten, lieferte Imad als Spitzel ans Messer. Irgendwann Ende 1982 begann er, die Stasi mit Namen, Unterlagen, Fotografien und Film-Negativen aus der Punk-Szene zu versorgen. Er identifizierte Punks aus seinem Umfeld, teilte mit, wann und wo sich welche Mitglieder der Szene in der Stadt aufhielten und kassierte dafür wiederholt Geldprämien.

Paul Gloom und Der Schwarze Kanal. Foto: Tobias Strahl
Paul Gloom und Der Schwarze Kanal. Foto: Tobias Strahl.

Imad war nicht der Einzige, der zum Verräter wurde. Doch es war unter anderem sein Material, das es den Behörden ermöglichte, die Punk-Bewegung zu zerschlagen. Die Jahre 1983 und 1984 gelten als Zäsur in der Geschichte des Punk in der DDR. Überall gingen Polizei, Staatssicherheit und sogar die Jugendorganisation FDJ gegen Mitglieder der Szene vor. Im November 1983 wurden alle Mitglieder der Berliner Band Namenlos zu Gefängnisstrafen verurteilt. Bei einer Solidaritätsaktion für Namenlos zur Eröffnung der Dokumentarfilm-Woche in Leipzig vor der Filmbühne Capitol wurde Bernd Stracke im November 1983 das erste Mal verhaftet. Maik Reichenbach kam ebenfalls 1983 als einer der ersten ins Gefängnis. Wutanfall-Sänger Jürgen „Chaos“ Gutjahr nahm die Stasi mehrfach fest, verprügelte und bedrohte ihn. Noch 1983 warf er traumatisiert das Handtuch, stieg aus. Die Mitglieder anderer Bands wurden in den Westen abgeschoben oder zum Militär eingezogen und so „unschädlich“ gemacht.

Paul Gloom (hinten), Bernd Stracke (Mitte) und Reudnitz (vorn) als L'Attentat am 3. Oktober 2014 im UT Connewitz in Leipzig. Foto: Tobias Strahl.
Paul Gloom (hinten), Bernd Stracke (Mitte) und Reudnitz (vorn) als L’Attentat am 3. Oktober 2014 im UT Connewitz in Leipzig. Foto: Tobias Strahl

Als Stracke und Reichenbach 1984 aus dem Gefängnis entlassen wurden, unternahmen sie einen letzten Versuch des Aufbegehrens und spielten mit L’Attentat noch einige Konzerte. Das Lied „Jetzt erst recht“ entstand in dieser Zeit: „Ihr seid gut, wir sind schlecht / ihr sperrt und ein, wir sind im Recht / aber ihr seid falsch und wir sind echt / und wir sind frei und ihr seid Knecht“. Zumindest Reichenbach und Stracke hatten endgültig mit dem System abgeschlossen. Noch 1984 stellten alle Mitglieder der Band einen Ausreiseantrag. In einer späteren Unterhaltung am Lagerfeuer sagte mir Stracke einmal, dass er damit plötzlich das Gefühl völliger Freiheit hatte. Er hatte sich innerlich vollkommen von der DDR gelöst, was ihm ab diesem Zeitpunkt zunehmend Sicherheit verlieh. In dem großartigen Buch Haare auf Krawall (1999) von Connie Mareth (ebenfalls 1983 eingesperrt) und Ray Schneider, das multiperspektivisch die Erinnerungen von Protagonisten der DDR-Punkszene versammelt, brachte es Stracke wie folgt auf den Punkt: „Wir haben beschlossen: Wir sagen jetzt, was wir denken! Damit haben wir gelebt, und wenn wir geschlossen in den Knast kämen. Wenn die uns fragen, ob wir gegen den Staat sind, dann können wir eben wirklich sagen: ‚Ja!‘ Ab da haben wir eben wirklich gesagt: ‚Ihr könnt uns mal den Buckel runterrutschen! Ihr seid Scheiße, und zur Armee gehen wir so und so nicht!“. Das Imad, der ebenfalls einen Ausreiseantrag gestellt hatte, für die Stasi arbeitete, wusste zu dem Zeitpunkt noch niemand. Als Gitarrist spielte er weiterhin mit Stracke und Reichenbach – und schrieb seine Berichte. Im Sommer 1985 wurden Bernd Stracke und seine Frau Marlies schließlich verhaftet und zu Gefängnisstrafen verurteilt. Marlies bekam ein Jahr und sieben Monate, Bernd zwei Jahre und einen Monat. In die DDR wurden sie jedoch nicht mehr entlassen. Nach acht Monaten Haft „kaufte“ sie der „Westen“ frei.

L'Attentat und Der Chor am 3. Oktober 2014 im brechend vollen UT Connewitz. Foto: Tobias Strahl.
L’Attentat und Der Chor am 3. Oktober 2014 im brechend vollen UT Connewitz. Foto: Tobias Strahl.

Die Schergen der DDR-Diktatur erreichten in ihrem Verfolgungswahn das Gegenteil von dem, was sie bezweckten. Nachdem die erste Generation der Punks im Gefängnis, beim Militär oder abgeschoben im „nichtsozialistischen Ausland“ gelandet war, trat die zweite und dritte Generation auf den Plan – motiviert und stark politisiert. Reudnitz, Paul Gloom und Klemens „Klemi“ Rebbelmund etwa gehörten dazu. Auch wenn die heute eher bescheiden und zurückhaltend auftreten, sind sie ebenfalls unter die Protagonisten der Szene zu zählen. Der bereits weiter oben zitierte Künstler Henryk Gericke fasste es prägnant zusammen: „Die Punks haben sicher nicht den Zusammenbruch des Kulissenstaates DDR herbeigeführt. Doch ihr Erscheinen war das vielleicht erste, aber in jedem Fall das deutlichste Zeichen des nahenden Infarkts“.

Freude, Wut und Ekel - L'Attentat und Der Chor am 3. Oktober 2014 im UT Connewitz. Foto: Tobias Strahl.
Freude, Wut und Ekel – L’Attentat und Der Chor am 3. Oktober 2014 im UT Connewitz. Foto: Tobias Strahl.

Aus den Reihen der DDR-Punkbewegung gingen bereits während ihrer Anfangsjahre einige ihrer heute profiliertesten Chronisten hervor. Connie Remath und Ray Schneider gehören ebenso dazu wie Henryk Gericke und Michael „Pankow“ Boehlke, die gemeinsam mit Carsten Fiebeler den Dokumentarfilm Ostpunk! Too much future (2007), im dem sechs Punks aus der DDR (unter anderen die Künstlerin Cornelia Schleime und Bernd Stracke) zu Wort kommen, realisierten. Die Fotografin Christiane Eisler wiederum begann bereits in den achtziger Jahren, die Mitglieder der Szene in Portraits festzuhalten. Sie verfügt heute über das wohl größte Bildarchiv aus dieser Zeit. Auch hier gibt es eine zweite Generation: Als profunder Kenner der Szene hat sich in den letzten Jahren der gebürtige Berliner Alexander Pehlemann hervorgetan, der in einer Veranstaltungsreihe 1984 Die Gegenkultur des Ostblocks im Orwell-Jahr auch das Konzert mit der polnischen Kultband Dezerter, L’Attentat, Der Schwarze Kanal und Der Chor am 3. Oktober im UT Connewitz organisierte. Pehlemanns Interesse geht jedoch weit über den DDR-Punk hinaus. Mit formal und inhaltlich gleichermaßen hochwertigen Publikationen arbeitet er die Geschichte der Subkultur(en) in den Staaten Ost- und Südosteuropas auf.

Irgendwann hält es das Publikum nicht mehr im Saal - auf der Bühne wird weiter gefeiert. Foto: Tobias Strahl.
Irgendwann hält es das Publikum nicht mehr im Saal – auf der Bühne wird weiter gefeiert. Foto: Tobias Strahl.

Als am 3. Oktober die Musiker von L’Attentat und Der Schwarze Kanal nach nunmehr 30 Jahren schließlich gemeinsam die Bühne im UT Connewitz betreten, ist die Geschichte im ganzen Saal präsent. Abgründe und Höhen, Wut, Genuss, Euphorie und Ekel liegen gleichermaßen in der Musik von Reudnitz, Gloom, Maik „Ratte“ Reichenbach, Klemi und Stracke. Damit bringen sie den Saal zum Kochen. Ein explosives Gemisch. Eine seltsame Feier. Aber alle sind da. Fast alle. Wutanfall-Sänger Chaos geht es nicht gut. Und noch einer fehlt, ohne jedoch irgendwem zu fehlen: Imad.

(Dieser Artikel wurde in einer kürzeren Version am 6. Oktober im Kulturteil der Dresdner Neuesten Nachrichten veröffentlicht)

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