Misslungene Premiere – „Gundermann“ am Elbufer

 

Ticket Premiere "Gundermann".
Ticket Premiere „Gundermann“.

Von Tobias Strahl, Dresden, 22. August 2018. Man fragt sich, was der gestern Abend am Elbufer wiederholt als Zeuge (neben Rio Reiser!) aufgerufene Gerhard Gundermann (1955-1998) dazu gesagt hätte, dass das Gespräch mit Regisseur und Darstellern zur Premiere seiner Filmbiografie (Andreas Dresen, 2018) einem überlangen Werbeblock geopfert wurde. Hätte er den Treppenwitz mit Humor genommen?

Als ein peinlich berührter Moderator gegen 22.15 Uhr der unangenehmen Aufgabe nachkam, nach einer mehr als 20 Minuten langen Werbepause Schauspieler und Regisseur zum Filmgespräch auf die Bühne zu bitten, wurde er vom Publikum der ausverkauften Veranstaltung der „Filmnächte am Elbufer“ mit gellenden Pfiffen und Buh-Rufen empfangen. Man kann das für unhöflich halten (was kann der arme Kerl dafür?); man kann den Protest allerdings auch als kaum mehr erwarteten Beleg dafür ansehen, dass sich unter den Dresdner Gästen trotz des permanenten und allgegenwärtigen Dauermarketings einer Konsumgesellschaft ein Instinkt erhalten hat, der durchaus registriert, dass man gerade nach allen Regeln des Eventbusiness vorgeführt wird.

Wie kam es dazu? Mehr als zwei Stunden vor dem auf 20.00 Uhr angesetzten Veranstaltungsbeginn bildeten sich bereits lange Schlangen östlich und westlich des abgezäunten Areals an dem der Dresdner Altstadtsilhouette gegenüberliegenden Elbufer. Als sich um 19.00 Uhr die Tore öffneten, begegneten die Wartenden einem vom langen und heißen Filmsommer angeschlagenen und sichtlich genervten Personal an Einlass und Serviceständen – so weit, so verständlich.

Pünktlich um 20.00 Uhr ging es los. Mit einer ersten Überraschung: Die Band aus Regisseur Andreas Dresen (voc., git.), Schauspieler Axel Prahl (voc., git.), dem Gundermann-Gefährten Jens Quandt (key.) und dem Pankow-Gitarristen Jürgen Ehle spielte vor und nicht etwa nach dem Film, um diesen zu feiern. Sei’s drum. Die musikalischen Unstimmigkeiten (den besten, gleichwohl kürzesten Gesangspart hatte Conny Gundermann) wurden durch eine gehörige Portion Nostalgie und zahlreiche Meeres-Metaphern ausgeglichen. Das kam an. Die hartgesottenen Gundi-Fans zog es zum Tanzen vor die Bühne, der Teil des Publikums, der vor allem des Filmes wegen an die Elbe gekommen war, applaudierte respektvoll im Sitzen. Nach anderthalb Stunden und drei Zugaben (selbstverständlich war das obligatorische „Gras“ (Einsame Spitze, 1992) für letztere aufgespart worden) machten Dresen und Prahl, die zwischenzeitlich durch die Mimen Anna Unterberger, Alexander Scheer und eben Conny Gundermann verstärkt wurden, den Sack zu. Jetzt gibt’s den Film, dachten wohl viele – und sahen sich getäuscht.

Es folgte eine etwa 20-minütige Umbauphase, die zum Pausen-Shopping genutzt werden durfte; danach dann der bereits erwähnte Werbeblock, dieser nun länger als 20 Minuten. Als der Moderator um 22.15 Uhr (!) die Bühne betrat, um gegen alle Gepflogenheiten der Branche das Filmgespräch ebenfalls vor dem Film zu beginnen, war das Maß voll und das Publikum machte mit einem lautstarken Chor aus Pfiffen und Buh-Rufen seinem Unmut Luft. Unter diesem Eindruck geriet das „Gespräch“ mit Regisseur und Schauspielern folgerichtig zur Farce. Es dauerte kaum fünf Minuten, von denen die Akteure aufgrund eines Beleuchtungsfehlers das erste Drittel im Dunkel standen. Ernsthafte formale oder inhaltliche Fragen zum Film konnten weder vom Moderator noch vom Publikum angebracht werden (das genau ist der Sinn eines Filmgesprächs, liebe Veranstalter), denn die Alibi-Konversation fand ja entgegen allen Konventionen des Genres vor dem Film statt.

Wer das Ganze nun für einen bloß unglücklichen Zufall hält, der täuscht sich grundlegend über den Charakter des zeitgenössischen Event-Marketings. Struktur und zeitlicher Ablauf des Abends waren einem Betrieb geschuldet, der den künstlerischen Anspruch als Fassade nur mehr nötig hat, um die gnadenlose Kommerzialisierung dessen zu verdecken, was einmal Kunst war. Natürlich gibt es den Film, der nun einmal für Viele der Hauptgrund des Besuchs der Veranstaltung war, am Ende des Abends. Ginge dieser Teil des Publikums erwartungsgemäß bereits nach dem Film und vor dem üblicherweise im Nachhinein stattfindenden Filmgespräch und dem Konzert, ginge mit ihm ein großer Teil der Einnahmen an Speise- und Getränkewagen verloren. Von den ebenfalls einträglichen Elementen Werbeblock und Umbaupause einmal abgesehen. RTL & Co. lassen grüßen. Beredt die Auskunft, die ich noch während der Veranstaltung von den Organisatoren auf meine Kritik des überlangen Werbeblocks erhielt: „Besser als die 41min, die wir zuletzt im Kettenkino hatten. Wie denkst Du, können wir sonst ein solches Event [!] ohne öffentliche Förderung auf die Beine stellen?“. Das Schlechte ist also besser als das Schlimme. Auch eine Philosophie. Dass der künstlerische Anspruch bei einem Filmfestival (!) noch irgendeine Rolle spielte, erwartet offenbar schon längst keiner mehr. Gegenfragen zur rüden Replik der Veranstalter drängen sich auf: Mit den Ticketpreisen? Mit dem Merchandise? Mit den Speise- und Getränkewagen? Wie machen das andere Veranstalter besser als Ihr?

Es gibt eine Szene in „Gundermann“ (im Trailer des Films zu sehen), da verabschiedet sich der Protagonist nach einem Konzert unmittelbar von seinen Bandkollegen mit der Begründung, dass er am nächsten Morgen zeitig in den Braunkohletagebau zu seiner Arbeit als Baggerfahrer müsse. Ich habe herzlich gelacht ob der ungewollten Analogie zur Veranstaltung am Elbufer. Für die meisten Gäste war ja der folgende Mittwoch ebenfalls ein Arbeitstag – zugegeben nicht auf einem Bagger in der Oberlausitz.

Während des Konzerts vor dem Film gab Regisseur Andreas Dresen eine anrührende Gundi-Anekdote zum Besten: Der Musiker Gundermann sträubte sich während seines viel zu kurzen Künstlerlebens, mit seiner Musik Geld zu verdienen. Als er 1997 seine Arbeit als Baggerfahrer im Tagebau verlor, fing er deswegen eine Tischlerlehre an. Der Gedanke, „bloß“ von seiner Kunst zu leben, während andere für ihr Auskommen hart arbeiten mussten, erfüllte den kontroversen und widersprüchlichen Gundermann mit Scham. Den Veranstaltern am Elbufer geht diese Scham offenbar ab. Was der singende Baggerfahrfahrer sich selbst versagte, nimmt ein Teil seiner selbsterklärten Nachlassverwalter selbstverständlich für sich in Anspruch. Ja, ja, ich weiß, dieser Idealismus ist lächerlich – doch dann ist es konsequent auch der portraitierte Gundermann. Es hätte eine gelungene Premiere werden können – mit Film, Filmgespräch und Konzert. So war es ein kommerziell sicher erfolgreiches, künstlerisch misslungenes „Event“, für das sich die Veranstalter der „Filmnächte“ auch einmal schämen dürfen.

Andreas Dresens einfühlsames, überaus gelungenes Portrait des Musikers Gerhard Gundermann ist ab dem 23. August im Kino zu sehen.