Modern, archaisch, aktuell: Teatri Oda aus Prishtina beim Off Europa-Festival in Dresden und Leipzig

Von Torsten Klaus. Albanien? Kosovo? Balkan. Krisengebiet. – Diese einfach abzuspulende Assoziation dürfte dominieren, würde man die Eingangsfragen nach besagten Ländern stellen. Aber was liegt eigentlich hinter den Schlagzeilen, hinter dem ganzen Es-wird-nur-berichtet-wenn’s-Tote-gibt? Wenn Landstriche medial so stark von einem Konflikt geprägt sind, finden dann andere Lebensumstände, die nichts mit einem schwelenden Streit um Grenzen und internationale Anerkennung zu tun haben, Kanäle, um über sich mitzuteilen? Vielleicht nicht in den Nachrichten. Im Theater schon.

Foto: T. Strahl
Agnes Nokshiqi. Foto: Strahl


Dem Teatri Oda aus Prishtina im Kosovo darf durchaus genau so ein Mitteilungsbedürfnis unterstellt werden. 2002 gegründet, ist es eigenen Angaben zufolge das einzige kosovarische Off-Theater, das seither frei agiert und auch eine eigene Spielstätte hat. Von Anfang an hatten die Gründer und Aktivisten des Oda besonders eins im Blick: die Rolle der Frau. Wer’s nicht glaubt: Die erste Inszenierung, die am 1. März 2003 auf die Bühne kam, waren tatsächlich die „Vagina-Monologe“. Und aktuell steht bei den kosovarischen Künstlern Deutschland als Thema genz oben: “Three fat Germans” heißt die aktuelle Produktion, mit der sie unterwegs sind. Allerdings (noch) nicht hierzulande.

Überraschen kann solch eine Entwicklung nur den, der das Theater als losgelöst von gesellschaftlichen Entwicklungen betrachtet, als einen Raum außerhalb von Politik und Gesellschaft. Das ist es im Kosovo genauso wenig wie bei uns: eine einfach herzustellende Schlussfolgerung, die das Dresdner Publikum aber noch nicht recht erreicht zu haben scheint. Anders können die lediglich etwa zwei Dutzend Zuschauer, die sich im Societaetstheater das choreografische Tanztheater „Kanuni“ von Agnes Nokshiqi und dem Teatri Oda anschauten, nicht erklärt werden.

Kanuni“ vereint moderne und archaische Ebenen und Momente. Der Leitfaden des rund 40-minütigen Stücks ist das gleichnamige albanische Gewohnheitsrecht. Es umfasst bestimmte Elemente: Familie, Haus, Gast, Wort, Handel, Eid, Erbe, Grenze, Tod. Darin wird zum Beispiel festgelegt, wer in jedem albanischen Haus jederzeit willkommen ist: Gott und der Gast. Und auch die Blutrache ist geregelt.

Diesen Facetten eines an der Großfamilie ausgerichteten Verhaltensleitfadens gaben die sechs Tänzer – drei Frauen und drei Männer – Gestalt durch getanzte Bildsprache. Der Beginn mit poppigen Disco-Beats, umflackert von Schwarzlicht, mag wegen seiner Anleihe bei den achtziger Jahren noch etwas eigentümlich wirken. Das gibt sich aber rasch. Steter Wechsel von Bewegungen und Pose sind nicht nur Hinweis auf das Heimatlich-Archaische des Abends. Sie sind genauso ein Spiegel dessen, was unser sehr heutiges und sehr westliches Leben ausmacht. Ein stolz-kritischer Verweis auf die eigene Geschichte ebenso wie eine kritisch-neugierige Annäherung an die unsrige.

Die tanzenden Darsteller um Regisseurin Agnes Nokshiqi finden sich in immer neuen Konstellationen zusammen, agieren aber immer als Gruppe. Eine Metapher auch für die Heimat. Der Tod stand immer schon am Ende der Aufführung, er ist weiß Gott ein älteres Konzept als die Kriege der Neuzeit, muss also nicht in den Kontext dieser Waffengänge gepresst werden.

Theater im Kosovo ist zeitlos und aktuell. Eigentlich ein naheliegender Gedanke. Eigentlich.

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