Nachrichtenporno: Ein Buch, ein Foto-Streit und die Frage: Welche Fotos sehen wir?

Von Torsten Klaus. Die Debatte um die Bilder haben wir, wieder einmal. Sie wiederholt sich in schöner Unregelmäßigkeit und gewinnt immer dann an Schärfe, wenn Kriege oder verheerende Unglücke ihre Opfer gefordert haben – und die Fotos jener Opfer dann im Internet, in Tageszeitungen oder Nachrichtenmagazinen kursieren. Die Diskussion dreht sich stets darum: Muss das gezeigt werden? Welche Grenzen gibt es, wann sind sie überschritten? Eine moralische Diskussion. In immer unmoralischer werdenden Zeiten.

So ist es auch dieses Mal. Aktueller Anlass sind Aufnahmen der Absturzopfer des Fluges MH17, vor allem jene Bilder, die der französische Fotograf Jerome Sessini an der Absturzstelle in der Ostukraine gemacht hat und von denen eins zum Titelbild der New York Times avancierte. Sessini musste sich daraufhin von dem Schweizer Fotografen-Kollegen Reto Camenisch Vorwürfe „pornografischer Distanzlosigkeit” gefallen lassen.  Das Buch War Porn” des Fotografen Christoph Bangert versteht der Bildautor selbst als Debattenbeitrag. Auch dabei dreht sich alles darum, welche Bilder gemacht  und welche dann publiziert werden. (Dass die hier gezeigten und auch hinter den Links zu sehenden Fotos teilweise mehr als verstören werden, sei an dieser Stelle noch vermerkt.)

Bangert 1Ein alter Mann mit schweren Verbrennungen in der Notaufnahme des Yarmouk Hospital in Bagdad, 28. August 2005.                                                                                                                             Fotos: Christoph Bangert

Die renommierte New York Times verteidigte übrigens ihre Bildauswahl (das Foto zeigte die mit einer Plastefolie notdürftig abgedeckten Überreste eines offenbar eher jungen Opfers des Flugzeugabsturzes) damit, dass es keinen Anlass für eine „antiseptische Berichterstattung” gebe.

Ähnlich und doch wieder anders liegen die Dinge bei dem Buch „War Porn” des Fotografen Christoph Bangert. Dabei ist es unerheblich, ob Bangert, Sessini oder Camenisch den Satz kennen, der Niklas Luhmann beim Thema Pornografie zugeschrieben wird: „Man sieht alles und sonst nichts.” Sessini und Bangert wollen zeigen, was aus verschiedenen Gründen eben eher nicht zu sehen ist, meist spielen dabei Fragen der Pietät eine nicht unerhebliche Rolle. Sessini hat in der Ukraine stellenweise Leichenteile, Überreste der Toten fotografiert. Camenisch meint, Menschenwürde, Totenruhe und Mitgefühl seien „komplett ausgepixelt”. Das kann man so sehen. Im ständigen Wettrennen um die ersten und auch die heftigsten Bilder zeigt sich der Nachrichtenmarkt unerbittlich. Diesem Druck unterliegen viele (Foto-)Journalisten, Sessini ist einer davon. Aber es wäre natürlich viel zu einfach, bei so etwas Imaginärem wie dem Markt die Schuld zu suchen. Über Kriterien wie Scham und Verantwortung können wir nur mit uns selbst in Austausch treten und bestenfalls auch übereinkommen. Da hilft kein Abwälzen auf äußere Zwänge.

Bangert hat seinerseits ein Buch verfertigt, ein kleines, fast unscheinbares, auch äußerst zurückhaltend im Cover gestaltetes. Er ist ebenfalls Fotograf, hat die düsteren Schauplätze dieser Welt schon genügend besucht und dort auch Bilder gemacht. Das hat ihm aber, wenn man so will, nicht gereicht. Deshalb entstand „War Porn”. Darin versammelt Bangert Fotos, die aus verschiedenen Gründen von den jeweiligen Bildredaktionen (auch er arbeitete meist für die New York Times) nicht veröffentlicht wurden. Seine Fotos entstanden in Afghanistan, in Gaza, im Irak. Bangert schreibt im Vorwort, dass schreckliche Bilder die Fähigkeit haben zu schockieren und zu entmenschlichen – so wie es auch pornografische Bilder tun. Er bezeichnet das Büchlein als seine persönliche Versicherungspolice, um später seinen Kindern eine Antwort darauf geben zu können, wie sich Kriege und Katastrophen angefühlt haben. In einem kurzen Epilog finden sich schließlich Fotos von Bangerts Großvater in Wehrmachtsuniform, einem überzeugten Nazi „bis zum Tag seines Todes”. Kam es zum Thema Krieg, habe sein Großvater immer nur von seinem Pferd gesprochen, erinnert sich Bangert. „Ich werde nicht über Pferde reden”, ist sein Resümee. Auf dieser persönlichen Ebene funktioniert diese Sammlung schockierender Aufnahmen dann auch.

Bangert 2Die gefesselten Hände eines von zwei getöteten Männern, gefunden von irakischen Soldaten außerhalb des Bagdader Stadtteils Ghazaliya, 21. Dezember 2006.

Im größeren, gesellschaftlichen Kontext aber fürchte ich, dass Bangert damit zu spät kommt, sogar viel zu spät. Denn das Tabu, zu grausame Bilder nicht zu zeigen, existiert in der von ihm vorgebrachten Weise eigentlich nicht. Wer die jährlichen Ausstellungen der weltweit besten Pressefotos verfolgt hat, fand dort beispielsweise immer mal Teile der Schau mit expliziten Hinweisen versehen. Sie warnten vor Fotos, die an Heftigkeit schwer zu überbieten waren, wie die von verstümmelten Opfern des anhaltenden Drogenkrieges im Norden Mexikos. Auch im aktuellen 2014-Jahrgang sind solche Bilder nicht nur zu sehen, sondern selbst Preisträger. Und ein kurzer Blick zurück ins Bildgedächtnis des 20. Jahrhunderts beweist: Es existieren zahlreiche Fotos, die in ihrer unmittelbaren Wucht, ihrer Tabulosigkeit, längst  Teil der Geschichtsschreibung sind.

Auch Bangert zeigt die unerbittliche Härte und bitteren Resultate von Kriegen: tote Kinder, Folteropfer, verbrannte Leichen. Er lässt dem Betrachter aber meist eine Wahl. Viele Seiten sind noch nicht aufgeschnitten. Man muss es bewusst tun, um noch mehr zu sehen vom „War Porn”.

Bangert 3Der zweite Tote, selber Ort und selber Tag wie beim vorherigen Foto. Wild lebende Hunde hatten sich bereits an der Leiche zu schaffen gemacht.

Pornografie und Krieg, die von Bangert hergestellte Parallele, bietet in der Tat Erstaunliches. Der stetige Konsum von Pornos desensibilisiert junge Männer in sexueller Hinsicht. Das zeigen Forschungen. Die Darstellung der Ergebnisse von nackter Gewalt und kalter Grausamkeit des Krieges dürfte mit unserer Aufnahmefähigkeit Ähnliches anstellen. Sind wir im Angesicht dessen noch in der Lage, Empathie aufzubauen? Oder stumpfen wir immer mehr ab? Eine fast skurrile Fußnote in diesem Zusammenhang, dass sogenannte Hardcore-Pornografie tatsächlich eingesetzt wird, um Soldaten oder Ärzte auf den Umgang mit extrem schockierenden Situationen vorzubereiten, wie die Autorin und Feministin Naomi Wolf schreibt.

Nun ist es nicht so, dass es zu wenige Bilder von den Abscheulichkeiten unserer Tage gebe. Das Gegenteil ist der Fall, vor allem natürlich den digitalen und virtuellen Möglichkeiten der Gegenwart geschuldet. Nie war es so leicht, dem Leiden anderer so nah zu sein. Nie war es so leicht, den Voyeur in uns zufriedenzustellen.

Besinnung ist in diesem Kontext ein altmodischer Begriff. Das Besonnene fehlt uns aber immer häufiger. Sind weniger, dafür gut ausgewählte Bilder – zu welchem Thema auch immer – ein möglicher besserer Weg? Ein frommer Wunsch, sicher. Denn wir alle sind mittlerweile konditioniert – oder eher schon getrimmt? – auf die Gewalt der Bilder.

Wir sind aber auch in anderer Hinsicht berechenbar. Die mediale Konditionierung ist schließlich nicht auf Nachrichtenfotos beschränkt. Wir springen ebenso auf Reizwörter an, vermuten Enthüllendes, wenn Schlagzeilen entsprechend formuliert worden sind. Das ist bei diesem Text nicht anders. Oder hätten Sie ihn tatsächlich gelesen, wenn in der Überschrift nicht von Porno die Rede gewesen wäre? Denken Sie mal drüber nach.

 

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