Not embedded: Britische Künstler schauen in der Ausstellung “Im Kreuzfeuer” auf den Krieg

Von Torsten Klaus. Krieg, wo man hinsieht. Es ist das Jubiläumsjahr schlechthin (obwohl in diesen Fällen der Begriff Jubiläum wohl falscher kaum sein könnte): Vor 100 Jahren begann der Erste Weltkrieg, vor 75 Jahren folgte der nächste. Ist es also folgerichtig, sich in die Phalanx derer einzureihen, die Ausstellungen zum Krieg zeigen? Auch am Dresdner Stadtmuseum stellte man sich diese Frage – und bejahte sie. Das Ergebnis ist die Ausstellung „Im Kreuzfeuer”, die aus Dresdens Partnerstadt Coventry, genauer gesagt vom dortigen Herbert Art Gallery & Museum, an die Elbe geholt wurde.

JamalPenjweny_IraqIsFlyingNo3_2006-9Jamal Penjweny, Iraq is Flying, No 3, 2006-9. Reproduced by permission of the artist.

Alles schon gehört, alles schon gesehen zum Krieg. Auch das eine oft wiederholte Meinung. Schließlich verfolgen uns bewaffnete Auseinandersetzungen (wir haben uns ja im Euphemismusnest warm eingerichtet, wenn wir uns dafür Begriffe wie Konflikte oder Unruhen unterjubeln lassen) via Nachrichten seit – ja seit Erfindung eben dieser Nachrichten. In diese Vervielfältigungsfalle aber tappen die weit über 30 britischen Künstler und Künstlergruppen in der Schau nicht, die vergangenes Jahr in Coventry unter dem Titel „Caught in the Crossfire” gezeigt worden war. Sie umfasst eine Verarbeitung des Kriegsthemas vom Ersten Weltkrieg bis in unsere jetzigen Tage. Was natürlich die Frage aufwirft: Alle politischen Bekenntnisblasen ausgeblendet – wie viel haben wir wirklich gelernt in Sachen Krieg und seiner Vermeidung?

„Im Kreuzfeuer” jedenfalls zieht Verbindungslinien zu Ausstellungen, die sich in Dresden schon diesem Thema widmeten, wie „Krieg und Medizin” vor fünf Jahren im Hygiene-Museum, beispielsweise. Damals erregte unter anderen David Cotterrell mit seinem Tagebuch über eine medizinische Einheit der britischen Armee in der afghanischen Provinz Helmand Aufsehen. Diesmal ist es das Video „5 soldiers – The Body is the Frontline” der Schottin Rosie Kay, eine Mischung aus Tanz und Exerzieren, aufgenommen in einem Flugzeughangar in Coventry. Ein zehnminütiges Stakkato, das natürlich kein Happy End haben kann. Cotterrell war damals official war artist, für Kays Arbeit wurde er einer der wichtigsten Helfer. Der Nebenstrang hier: Die im nationalen Sinn an die Front geschickten Künstler sind längst Geschichte. Heute wird hart reflektiert, bezweifelt, auch die mediale Berichterstattung hinterfragt – in Zeiten von eingebettetem Journalismus eine bittere Notwendigkeit.

kennardphillipps_PhotoOp_2005kennardphillipps, Photo-Op, 2005.

Dass im Kontext dieser Ausstellung natürlich reichliche politische Statements eine Rolle spielen, überrascht wenig. Nicht alles ist dabei von gleicher Güte, doch allein Namen von Street Artists wie Banksy (mit drei Werken vertreten) oder Blek le Rat (mit einem) dürften die Neugier des Publikums wecken. Den größten Anteil hat das Künstlerduo kennardphilipps beigesteuert. Allein die drei großflächigen Werke „Soldier#1″, „Presidential Seal” und „Red Cross” sind eine Art Triptychon des politischen Versagens. Dazu kommt eine Wand voller Fotomontagen (wobei die Erkennbarkeit dieser Collagen an John Heartfield erinnert), Tony Blairs Selfie vor brennendem Ölfeld und die Druckreihe „Award”.

kennardphillipps_AwardPortfolio_2003

kennardphillipps, Award Portfolio, 2003.

 

Die jüngst wieder aufgeflammten Auseinandersetzungen im Irak sowie zwischen Israel und Palästina sind zur brandaktuellen Hintergrundprojektion dieser Ausstellung geworden. Die sich übrigens dankenswerterweise nicht vordergründig bei der Zerstörungs- und Erinnerungsgeschichte in Coventry oder Dresden aufhält. Was auch zu simpel wäre.

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Langlands & Bell, United Nations, 1990. Reproduced by permission of the artists.

 

Und doch, bei allem leisen Optimismus, der aus dem Gang durchs Stadmuseum erwächst: Beim Thema Krieg werden im Zweifel wohl selbst verbal eher Rückzugsgefechte geführt als klares Kontra gegeben. Beweis dafür ist der Satz auf der Rückseite des englischsprachigen Katalogs der Originalschau von Coventry. Dort ist zu lesen: „Die in dieser Publikation geäußerten Ansichten sind die der einzelnen Mitwirkenden. Sie stimmen nicht zwangsläufig mit denen des Coventry Heritage and Arts Trust überein.” Auch das ist eine Aussage, in diesem Fall eine Zustimmung zur britischen Außenpolitik. Über ihren Wert lässt sich streiten.

Das ist die eine Seite des Künstlerblicks. Doch es existieren noch ganz andere. Simon Norfolk, der preisgekrönte Fotograf, bekannt unter anderem mit seinen Arbeiten aus Afghanistan, wird so zitiert: “Der Krieg formt und gestaltet unsere Gesellschaft.” Es liest sich fast wie ein Gegenentwurf zur Ausstellung und ist doch ihre Essenz. Denn der Krieg beherrscht nicht nur die Schlagzeilen. Er findet sich im Gesellschaftlichen, im Job, sogar in der Partnerschaft. Wir mögen uns nicht mehr als Krieger sehen, aber zumindest ein Teil von ihm schlummert in uns. Natürlich ist das alles nicht mehr Gegenstand dieser Ausstellung. Und doch einer der Gründe, warum es sie gibt.

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Al Johnson, Sadie, 1998-99. Reproduced by permission of the artist. Photograph copyright David Rowan.

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