PEGIDA im Herzen – (k)ein echtes Dilemma

PEGIDA im Herzen? Grafik: T. S.
PEGIDA im Herzen? Grafik: T. S.

 

Von Tobias Strahl. Es wird viel geredet in und über Dresden derzeit. Am vergangenen Sonntagabend war ich zum Theaterplatz unterwegs. In der Bahn traf ich ein Paar, mit dem ich seit Jahren befreundet bin. Anja und Alexander sind beide Unternehmer in Dresden. Wir haben zur gleichen Zeit, jedoch an unterschiedlichen Lehrstühlen der Technischen Universität studiert. Eine Zeit lang haben wir im selben Haus im Dresdner Norden gewohnt. Ich habe die Beiden immer bewundert. Wenn es darum ging, irgendwo anzupacken, auszuhelfen, eine Sache zum Besseren zu wenden – Anja und Alexander waren immer ganz vorn dabei. Von ihrer Gegenwart profitierte jede gemeinsame Unternehmung. Einsicht in Notwendigkeiten, Anstand und Hilfsbereitschaft sind die aus der Mode gekommenen Formeln, um die Beiden zu beschreiben.

Am Albertplatz stieg ich aus der Bahn. Anja und Alexander fuhren ein paar Haltestellen weiter. Einige Stunden später trafen wir uns auf dem Weihnachtsmarkt auf der Hauptstraße wieder. An einer der Buden bestellten wir uns einen Glühwein. Im Gespräch über dem dampfenden Getränk stellten wir fest, dass wir seit diesem Abend zwei getrennten Lagern angehörten. Anja und Alexander waren bei PEGIDA mitgelaufen. Ich hingegen war zunächst bei der Kundgebung am Theaterplatz gewesen, später jedoch aufgrund der überlauten, aggressiven und unerträglichen Partisanenlyrik einiger Redner_innen desillusioniert von dort wieder abgezogen. Nach unserer gegenseitigen Entdeckung herrschte das erste Mal seit wir uns kennen verlegenes Schweigen zwischen uns. Schließlich redeten wir aber doch.

Beide versicherten, weder Nazis noch rassistisch noch ausländerfeindlich zu sein. Wie sie sich dann unter der Formel „Patriotische Europäer gegen die Islamisierung des Abendlandes“ einfinden könnten, lautete meine vorsichtige Frage. „Darum geht es nicht“, antwortete mir Alexander. Um was es dann ginge, wollte ich wissen. Beide glauben, dass das demokratische System, dessen Teil wir sind, lediglich aufgesetzt ist. Deutschland sei keine wirkliche Demokratie mehr, erklärten sie mir. Ihr Protest richtete sich nicht gegen Ausländer, sondern gegen „das System“. Anstelle von (bestenfalls machtlosen) Politikern würden wir von Konzernen regiert. Obskure Mächte überwachten jeden unserer Schritte, was der NSA-Skandal überdeutlich gemacht habe. Doch sei das erst die Spitze des Eisberges. Sie wollten gar nicht wissen, was noch so alles herauskäme, in den nächsten Monaten. Monsanto, Shell und Google waren einige der Konzerne, die genannt wurden. Das Netz zwischen den Schaltstellen der Macht bildeten nationale und internationale Medien, kontrolliert und manipuliert von Politik, Konzernen, Geheimdiensten. Die Spatzen pfiffen es von den Dächern. In der ANSTALT könne man das sehen, auf einschlägigen Nachrichtenportalen erfahren und in Büchern, deren Titel und Autoren mir entfallen sind, so viele waren es, überdies nachlesen. Nicht alles in ihrer Argumentation war ohne Widersprüche zu haben.

Den größten Teil des Abends blieb ich ohne Worte. Das Schlimmste aber war: Ich konnte den Beiden nicht viel entgegensetzen, außer meine persönlichen Erfahrungen und die Überzeugungen, die ich daraus gewonnen hatte. Das zählte indes nicht viel. Keines der Bücher, die Anja und Alexander mir aufzählten, hatte ich gelesen, kaum eines der einschlägigen Nachrichtenportale kannte ich. Die ANSTALT sehe ich nicht mehr, seitdem meine Heroen Priol, Schramm und Malmsheimer dort nicht mehr das Zepter führen. Den größten Schock jedoch versetzte mir die Erkenntnis, dass wir uns augenscheinlich nicht gekannt hatten, die letzten Jahre. Offensichtlich hatten wir uns jedes Mal, wenn wir uns trafen, über Belanglosigkeiten ausgetauscht, anstatt uns gegenseitig zu offenbaren und uns auf den Grund zu fühlen. Ich will und kann die Argumente, die mir an diesem Sonntagabend vorgetragen wurden, gar nicht analysieren. Die immer gleiche Botschaft, die mir die Beiden in stets veränderter Form wieder und wieder übermittelten, war die des über die Jahre gewachsenen – mittlerweile totalen – Vertrauensverlustes. Wer führt, ohne zu informieren, ohne transparent zu sein, wer nicht nachvollziehbar ist, sondern arrogant erscheint, verspielt das Vertrauen der Geführten – lautet eine einfache Formel beim Militär, die hier in Teilen gelten mag. Einmal verlorenes Vertrauen indes lässt sich nur schwer, allzu oft gar nicht mehr wieder herstellen.

Mit einem schalen Geschmack im Mund verließ ich die Beiden. Am Albertplatz trennten sich unsere Wege. Ich weiß nicht recht, was ich aus dieser letzten Begegnung machen soll. Mit der Anja und dem Alexander, die ich an diesem Abend kennengelernt habe, verbindet mich denkbar wenig. Ihnen wird es mit mir ähnlich gehen.

3 comments

  • das ist halt genau das selbe wie mit nicht-wählern die damit irgendwelche komplexe Nachrichten übermitteln wollen. Du hast eine Ja/Nein-Entscheidung zum übermitteln und willst unzufriedenheit mit bestimmten Zuständen/Personen/Vorgängen übermitteln.
    Das funktioniert halt nicht.

    Bei Wahlverweigerung kommt auf der anderen Seite nur an „war nicht an Wahl interessiert“ und bei einer Demo auf der steht „gegen Islamisierung des Abendlandes“ kommt an dass du gegen Ausländer bist.
    Das kann man anders gemeint haben, ist aber egal. Wer auf Nazi-Demos geht wird als Nazi wahrgenommen. Das muss jedem einigermaßen denkendem Menschen klar sein.

    Da kann man so oft man will kommentieren „Darum geht es nicht“ oder „Ich habe nichts gegen Ausländer, aber“ oder „wir sind nur besorgte Bürger“ oder „Ich bin mit der Gesamtsituation unzufrieden“…

  • Lieber „Dr. Azrael Tod“,

    wir begrüßen kontroverse Diskussionen, fragen uns jedoch, welche Qualität eine Diskussion haben kann, die anonym geführt wird. Es mag albern klingen, aber für uns ist das eine Frage von Prinzipien und Diskussionskultur. Wir werden daher jeden anonymen Kommentar – wohlmeinende ebenso wie kritische – ausnahmslos löschen. Tobias Strahl

  • Hallo Tobias,

    ich erwarte diese Art der Begegnung noch für mich – so viel Angst und Enttäuschung trage ich vor mir her.

    Heimlich überlege ich mir, ob nicht mein Arbeitskollege oder naher Verwandter, ja sogar engster Freund ein ambitioniertes Kopfnicken für die Thesen und Argumente dieser Bürgerbewegung aufbringt. Es ist noch nicht passiert, der Spiegel kam noch nicht zu mir.

    Ich schaue ständig gebannt in die Videoaufzeichnungen, schaue mir die laufenden Menschen an und kann wenig Fremdes feststellen. Aber warum laufen die Leute denn nicht gegen die Aushölung des Sozialstaates und gegen die neoliberale Spaltung der Gesellschaft? Warum nicht für die Neubelebung des einstigen Pazifisten „Deutschland“ und für eine unvoreingenommene, faire Presse, die sich nicht in Fremdenfeindlichkeit und Kriegshetze ergeben soll? – Wollen sie alles auf einmal und nehmen sie deshalb die beschämend falschen Schlussfolgerungen in Kauf, dass hier ein andere Minderheit zu büßen hat? Schuld sind die Migranten und der Islam ja kaum an der deutschen bzw. europäischen Politik und ein schärferes Asylrecht kann die angspr. Probleme faktisch überhaupt nicht lösen.

    Es geht irgendwie um Protest, aber auch irgendwohin ohne plausibles Ziel. Muss man sich nicht an dem Ziel messen?

    Kann der Unmut so groß sein, dass die laufenden Menschen wohlwissend in Kauf nehmen, dass unter ihrer Vielheit und Stimme radikales und fremdenfeindliches Gedankengut seinen Platz und Nährboden findet? Muss ich mich nicht auch an dem Wie messen? Ignoranz ist so gefährlich und enttäuschend.

    Wenn ich ihnen begegne, muss ich etwas sagen. Ich muss das Richtige sagen, von dem Irrsinn abbringen.

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