Prizren. Kosovo. Europa.

"Ein Land, das es aus Sichtweise einiger Staaten gar nicht gibt." Prizren, Kosovo, Tagesanbruch. Foto: Kulke

 

Von Martin Kulke. Ich bin das erste Mal in diesem Land, das es aus der Sichtweise einiger Staaten gar nicht gibt. Da sind zum Beispiel die Serben, die Kosovo nicht als souveränen Staat anerkennen wollen. Wie auch – sie wollen „ihre“ Provinz Kosovo zurück. Und dies ist durchaus verständlich, denn Kosovo hat auf den ersten Blick alles, was man sich von einem Land wünscht: reiche Natur, Bodenschätze, historische Bausubstanz und eine weltoffene Bevölkerung.

Ich habe vor meiner Reise viel über Kosovo gehört, wusste von den Problemen, die das Land hat. Mehr als 50 Prozent der Bevölkerung sind ohne Arbeit. Korruption ist an der Tagesordnung. Industrie gibt es nicht. Sie wurde durch den Krieg zerstört. Der Wiederaufbau der Anlagen scheiterte. Die offensichtlichen Wunden, die der Balkankrieg vor rund 15 Jahren hinterlassen hat, sind weitgehend verheilt. Ich hatte an den Straßenrändern Ruinen erwartet, Häuser, an denen die Spuren von Bombeneinschlägen und Granatsplittern deutlich zu erkennen sind. Drei Häuser sah ich auf der 1600 Kilometer langen Fahrt von Dresden nach Prizren. Drei Ruinen – irgendwo in Serbien, irgendwo zwischen Belgrad und der Grenze nach Kosovo. Vielleicht hätte ich die großen Straßen verlassen müssen, um mehr Spuren des Krieges zu entdecken.

Festung Kalaja und die Altstadt von Prizren mit Fuchsbrücke und Sinan Pascha Moschee. Foto: Kulke

Der erste Tag in Prizren. Ich bin überwältigt von der Landschaft, den Bergen rund um die Stadt, von den kleinen Gassen im Stadtzentrum. Und ich bin noch immer auf der Suche nach sichtbaren Überresten der Zerstörung durch den Krieg. Mit einem gewissen Blick fürs Detail findet man sie hier noch, beispielsweise unterhalb der alten Festung, die hoch über Prizren thront. Eine verlassene Siedlung ist hier zu sehen, etliche abgebrannte Häuser. Es sind die Häuser von Serben, die hier einst lebten. Die Ruinen sind die letzten Zeugen einer längst vergangenen Zeit.

Die Wunden in den Köpfen der Menschen klaffen hingegen bis heute. Auf den ersten Blick bleibt aber auch das verborgen. Es gibt ganz banale Fehler, die einem als Tourist unterlaufen können, weil sie bei den Einheimischen negative Erinnerungen hervorrufen. In einem Café auf dem Marktplatz bestellte ich am zweiten Tag der Reise drei Getränke. Völlig normal für mich signalisierte ich dem Kellner die „drei“ durch das Abspreizen meines Daumens, Zeige- und Mittelfingers, bis mich ein Freund aus meiner Reisegruppe auf meinen Fauxpas aufmerksam machte. „Dieses Zeichen haben immer die Serben gemacht!“ Es ist das serbische „Sieges-Zeichen“. Ein Zeichen, mit dem viele Menschen hier schreckliche Erfahrungen verbinden. Ich war verärgert über meine Nichtwissenheit.  Man lernt dazu. Ich bestelle drei Getränke nun durch das Abspreizen meines Zeige-, Mittel- und Ringfingers. Dies wird durch ein freundliches Lächeln der Bediensteten signalisiert.

"Allgemein wird in Prizren viel gelächelt." Volunteers am Infostand des Dokufest und Gäste. Foto: Kulke

Allgemein wird in Prizren viel gelächelt. Die Freundlichkeit der Bevölkerung ist atemberaubend. Es ist so ganz anders als in Deutschland. Hier lebt man miteinander – und nicht nebeneinander. Das wird an jeder Ecke deutlich. Dieses Flair ist es, was mich und meine Mitreisenden so fesselt. Prizren ist in Bewegung. Ständig. Man hat das Gefühl, die Stadt würde nie wirklich schlafen. Unzählige Baustellen säumen meinen Weg durch die Stadt. Es tut sich was, obwohl die Mittel knapp sind. Kosovo zählt zu den ärmsten Regionen in Europa. Doch trotz hoher Arbeitslosigkeit und somit niedrigem Einkommen der Bevölkerung sind die zahlreichen kleinen Straßencafés von früh bis abends gut gefüllt. Die Preise sind für mitteleuropäische Maßstäbe mehr als erschwinglich. Ein Salat ist im Restaurant für einen Euro zu bekommen, das Getränk dazu ebenfalls. Scherzhaft ist vom „1-Euro-Land“ die Rede. Für mich sind diese Preise unvorstellbar günstig, für die Kosovaren nicht. Das Durchschnittseinkommen liegt bei rund 200 Euro im Monat.

Die vollen Cafés erklären sich nicht mit Tourismus. Kosovo ist alles, aber kein Touristenland. Noch nicht. Trotzdem ist „Sommersaison“ und dazu Dokufest, eines der bedeutendsten Dokumentar- und Kurzfilmfestivals weltweit. Das Festival ist nicht nur Kultur, sondern elementarer Wirtschaftsfaktor für die ganze Region. Mehr als 3 Millionen Euro spülten die Gäste im vergangenen Jahr in die leeren Kassen der Stadt.

Ein Vielfaches davon floss in den letzten Monaten in die Infrastruktur der Region. Prizren verfügt mittlerweile über eine Autobahn, die selbst deutsche Straßen in den Schatten stellt. Woher das Kapital dafür kommt? Man spricht nicht drüber – zumindest nicht öffentlich. Es ist bekannt, dass viele Projekte im Land aus dubiosen Quellen finanziert werden. Mafiöse Strukturen sind gewachsen. Mehr will man eigentlich auch nicht wissen. Eigentlich, denn das schöne Bild von einem wundervollen Land soll zumindest in meinem Kopf erhalten bleiben – wenn auch nur oberflächlich.

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