Return to Brieselang – Entscheidung vor der Dämmerung

Burkittsville? Brieselang! Und es ist noch nicht mal dunkel... Foto: Strahl

Von Torsten Klaus. “Der Rrregen prrrasselt unaufhörrrlich herrrniederrr…” Dieser legendäre Satz geht mir durch den Kopf, als die Tropfen immer härter auf die Plane fallen, unter der wir das Lager aufgeschlagen haben. Wir waren schon mal hier, vor ziemlich genau 21 Monaten, im Forst von Brieselang, auf der Suche nach einem geheimnisvollen Licht, von den Einheimischen gern als Leuchter tituliert. Damals fanden wir eine völlig andere Geisterform: den Bleichenwang. Aber unsere ursprüngliche Absicht blieb offen wie ein Raucherbein. Es war also nur eine Frage der Zeit, bis wir erneut eine Expedition, die wir uns vom Munde abgespart hatten, ins immer noch unterschätzte Brandenburg ausrüsteten. “Denn die Antwort ist irgendwo da draußen…” Da wir die Frage kannten, machten wir uns unerschrocken auf den Weg. Und bei allem Understatement kann es nicht anders gesagt werden: Dem Sehnsuchtsort-Team ist es wieder gelungen, geradezu Sensationelles zu Tage zu fördern.

Das Gute an einem verrotzt-verregneten Februartag: Kaum jemand setzt einen Fuß vor die Tür. Das ist im graumelierten Brieselang, wo die Zahl der Schlaglöcher auf den Nebenstraßen recht erheblich über der der Einwohner liegt, nicht anders. Beste Voraussetzungen also fürs Ghostbustern. Denkste. Denn das Wetter kann offenbar gar nicht vernässt genug sein, um alle Amateure vom Gang ins geheimnisumwitterte Gehölz abzuhalten. Was für erfahrene Entzauberer wie uns (keine Beschwerden: wir sind selbsternannt wie jeder echte Profi heutzutage) natürlich nervig, aber auch eine Herausforderung ist. Wir schlagen uns ins Unterholz, weg vom infantilen Taschenlampengeflacker. Die Stimmen der jugendlichen Horde werden leiser, sind irgendwann ganz verschwunden. Langsam nähert sich unsere Stunde, die eine ganze Nacht dauern soll.

Geisterjagen ist kein Zuckerschlecken. Schulhort war schöner. Unsere Unterkunft im Brieselanger Forst. Foto: Strahl

Jaja, das legendäre Licht. Ohne Geduld und Spucke läuft da gar nichts, das ist uns klar. Beim ersten Mal waren wir noch voller Unrast durch den Wald gezogen. Diesmal wählen wir eine andere Strategie: abwarten und Wein trinken. Vom überdachten Lager aus die Blicke schweifen lassen, Ausschau halten. Wonach? Tja, wir haben eine Ahnung, aber nicht die Bohne einer Idee, wie sie aussehen würde. Noch einmal wird das Warten unterbrochen. Das Geschepper am Nachthimmel ist so heftig, dass nicht auszumachen ist, ob der Nachbarort aus Anlass neuer Blumenrabatten rund ums Bushäuschen ein Freudenfeuerwerk veranstaltet oder auf dem nicht weit entfernten Truppenübungsplatz Dallgow-Döberitz von Überlagerung bedrohte Artilleriemunition aus den Depots geballert werden muss. Egal, es ist, wie gesagt, die letzte Störung. Der Ausguck ist bezogen, der Wald verwandelt sich in eine würdige Blair Witch-Kulisse. Komm ran auf ‘nen Meter, Du Leuchter. In diesem Moment fällt mir ein: Ich hab das Schmetterlingsnetz fürs Einfangen vergessen. Mist.

Aber erstmal ist sowieso Pustekuchen. Als Geist hat man schließlich auch seinen Stolz. Da zeigt man sich nicht so völlig unmotiviert, sobald zwei Neue (He Fremder, das hier is’ mein Horst, äh… Forst!) lässig ihr Lager aufschlagen. Manövererprobt teilen wir uns die Beobachtung. Leise, tiefe Gespräche halten wach: “Der Kaugummi ist aber körnig.” – “Das ist Fußpuder.” Irgendwann nicke ich trotzdem ein, ich bekenne es unter Schamesröte. Ob ich im Halbschlaf noch “Der Leuchter kann mich mal” gemurmelt habe, darüber deckt mein Kompagnon Tobias den Mantel des Schweigens. Ich danke ihm dafür. Doch auch ihn ereilt Morpheus irgendwann.

Der Schock! Was ist mit den Gesichtern passiert? "The Ring" in Brieselang. Kein Kindergeburtstag. Foto: Strahl

Das Schicksal aber erkennt unsere Mühen an. Wir fahren immer wieder hoch, die Lauscher gespitzt auf jedes Geräusch. Wobei wir natürlich nicht wissen, ob der Leuchter überhaupt Geräusche macht. Schließlich, die Uhr zeigt 3.43, kommt es zur Begegnung. Vielleicht zehn, zwölf Meter entfernt erscheint buchstäblich aus dem Nichts ein rotes Licht. Es scheint zu springen, wechselt die Farbe hin zu einem Gelbton. Tobias sieht es zuerst. Kurze Schockstarre. Dann der professionelle Griff zur Videokamera und mit einer scorsesehaften Bewegung gezoomt. Wow! Uns wird klar, das ist kein Fahrradrücklicht. Es sei denn, irgendwelche nachtaktiven Insekten müssen sowas laut Forstverordnung jetzt tragen. Das erscheint uns aber nach kurzem Überlegen unwahrscheinlich. Nach einer unklaren Zeitspanne, die sich erst später als einige Sekunden entpuppen, verschwindet der Spuk, wie er gekommen ist. Lautlos. Wir schweigen verblüfft.

Der Rest ist nochmaliges Einnicken, nachdem wir wiederholt den bahnbrechenden Film begutachtet haben. Sowas zeigen sie auf der Berlinale nie. Naja. Dann, bevor es dämmert, fahren auf einem befestigten Waldweg mehrere Autos entlang, Kolonne, Schrittgeschwindigkeit. Wir vermuten die jungen Männer des Ortes, die ihren Angebeteten nochmal einen kurzen Abstecher ins Leuchterwäldchen als Samstagnachtgrusel bieten wollen. Kurz überlegen wir, uns Taschenlampen schwenkend zu nähern und das Ganze irgendwann mit einem trockenen Buh! aus wenigen Metern zu garnieren. Aber dann wäre morgen kollektive Autositzreinigung angesagt. Außerdem ist es unter der Plane trocken. Zwei, drei Stündchen bleiben noch für ein Nickerchen. Es sei denn, jemand käme mit frisch gebrühtem Kaffee vorbei. Aber daran müssen sie noch arbeiten in Brieselang. Wie an den Schlaglöchern.

Skurriles Zusammentreffen: Auf dem Weg nach Brieselang lässt man die Botschaft von Madagaskar später einfach rechts liegen. Foto: Strahl.

 

5 comments

  • Guten Morgen, ich möchte das Ergebnis Eurer Mühen nur ungern entzaubern aber das rote Licht hat doch gewisse Ähnlichkeit mit dem Zeichen 306 der StVO. In Rot, wegen Rücklichtreflexion.

  • Verständlicher Zweifel. Aber dass da weit und breit kein Verkehrsschild stand, das irgendeinen Einfluss auf das Licht nahm, haben wir überprüft. Weitere Theorien?

  • Zum Fasching hatte sich jemand als Vorfahrts-Schild verkleidet und ist mitten in der Nacht, angeödet von der Party, lieber in den Busch gestiegen, den Bleichwang zu suchen. Die ebenfalls zum Kostüm gehörde externe Rotlichtlampe, die für eine erhöhte Attraktion sorgen sollte, hat einen Wackelkontakt… Nein ich hab keine weiteren Theorien. Mir bleibt vorerst aber die Möglichkeit, Dein Wort oder Eure Gründlichkeit in Zweifel zu ziehen.

    Aber der Theorienaufruf gilt ja nicht nur mir, nehme ich an.

  • Ich bin ja etwas erleichtert, dass nicht nur mir so seltsame Sachen in Brieselang passieren. Ich habe deshalb auch schon angefangen einen Blog http://lichttor.blogspot.com zu schreiben. Vielleicht finde ich ja noch Spuren in Eurem Blog!

  • Hallo, ihr Lieben.
    Bin immer noch davon überzeugt, dass der Bleichenwang einer der vielbesungenen drei Nazis auf dem nichtvorhandenen Hügel war, welche keinen zum Verprügeln fanden. Also seid lieber froh, dass DER nicht aufn Meter ran kam.

    Zum roten Licht fällt mir keine Theorie ein, aber dem Spuk sollte mal jemand den Farbwechsler ausstellen. “Das bunte Licht von Brieselang” klingt irgendwie albern.

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