Schön manipuliert

Von Lukas Strenot. Die Frage nach der Schönheit trägt immer öfter das Gewand der Manipulation. In der Kunst bestimmt zunehmend der Markt darüber, was schön, sprich: erfolgreich zu verkaufen und somit teuer ist; in der Mediengesellschaft braucht der Blick kaum umherzuschweifen, um allenthalben die Muster zu erkennen: geglättete Fotos, Retusche flächendeckend. Es ist gibt sie de facto nicht mehr, die unbearbeiteten Bilder. Die Welt gehört eben aufgehübscht, meinen die Werbefachleute und Blattmacher und Internetredakteure. Wenn’s nach ihnen ginge, müsste man sich eigentlich umterm Sofa verkriechen vor der Masse eines ständig aufs Neue gepushten Ideals, die aus den falschen Bildern kippt. Dennoch oder vielleicht gerade deswegen ist Schönheit natürlich ein Thema, wie ein Blick in die jüngste Sonderausstellung “Was ist schön?” im Dresdner Hygiene-Museum zeigt.

Dollfie, Gabriele Nagel, 2010, Video still. Quelle: Hygienemuseum, PR.

Denn was ist das eigentlich: schön? Ein Adjektiv, so schwammig und beliebig, dass es für die Bezeichnung von Zuständen schlichtweg nicht zu gebrauchen ist. Eine seelische Befindlichkeit, nah an einem ebenso wenig verifizierbaren Glücksgefühl angesiedelt. Womit sich übrigens ein kleiner Kreis hin zu einer früheren Ausstellung über das Glück im selben Haus schließt.

Und natürlich geht es – wenn auch nicht nur – um Sinnlichkeit, die meist weibliche Konturen trägt. Davon künden die Rückenakte des Schweden Blaise Reutersward ebenso wie die bewegten oder unbewegten Bilder von Uma Thurman, Audrey Hepburn oder Marlene Dietrich, die ja ihre Beine gegen ein ganz erkleckliches Sümmchen versicherte und bei Aufnahmen immer dafür sorgte, dass eben jene Beine immer im besten Licht zur Geltung kamen.

Fünf Räume bietet die Dresdner Schau an, der Fokus ändert sich dabei beständig. Anfangs eine Art fotografische Gegenüberstellung, mischen sich später Fragen zur Wahrnehmung, Selbstwahrnehmung und den Schönheitsidealen ins Visuelle. Und auch dabei spielt Manipulation eine Rolle: In Wien wurde nachgewiesen, dass sich bestimmte Trends beeinflussen lassen, wenn die Leute darauf konditioniert werden. Wer lange genug auf Modigliani-Bilder mit ihren charakteristisch gestreckten Gesichtsformen schaut, findet diese Streckung später auch bei den Bildern andere Künstler schöner als die Originalmaße. Da kann man nur dankbar sein, dass Paris Hilton nicht noch häufiger in allen Klatschspalten zu sehen ist, sonst würde ihr Aussehen womöglich noch mehr Menschen bei der Suche nach einem eigenen Stil in die Sackgasse führen.

Die Anti-Lookism-Initiativen kämpfen gegen den Marktwert von Schönheit und ihre ungerechte Herrschaft mit Sinn für Humor. www.lookism.info. Quelle: Hygienemuseum, PR.

Hier nun keine weitere Auflistung des Gezeigten, sondern eher eine Zusammenfassung von Gedanken im Angesicht der Schau. Das Schöne sollte irritieren, wie die Dresdner Professorin Constanze Peres unlängst eine Dresdner Tageszeitung wissen ließ. Auch diese Irritationsauslösung ist wie die das Urteil über die Schönheit selbst ein äußerst subjektiver Vorgang. Irritierend und auch erheiternd ist zumindest der Umstand, dass Schönheitswahlen keine Institution mehr auszulassen scheinen: Der 82-jährige Julien Paschoud wurde im September 2007 in Genf der „Mister Altersheim“ der Schweiz.

Ein Parallelgefühl von Irritation und Betörung löst dagegen Audrey Hepburn aus, wenn sie in einer Filmsequenz ihre Lippen nachzieht. Das Schöne ist bei ihr mehr als das Äußerliche, es sprießt aus ihrem manchmal spröden Charme, der über das Sinnliche hinausweist. In diesen Momenten ist die Ausstellung am überzeugendsten. Denn es ist der Verweis auf das tägliche Handanlegen an uns selbst, wenn wir uns herausputzen – für uns, aber mehr noch für die anderen. Die Phrase „Hand an sich legen“ ist ja fast ausschließlich mit Selbstmord zu übersetzen. Ist also das tägliche Herrichten unserer selbst auch der immer wieder kehrende Mord an der Wahrhaftigkeit? The show must go on – und dabei muss man gut aussehen.

Mit Blick auf den manipulierenden Hintergrund unseres Schönheitsbegriffs kann man zusammenfassen: Früher noch mit dem Wahren und Guten gleichgesetzt (vgl. Umberto Eco „Die Geschichte der Schönheit“), hat sich das Schöne davon mittlerweile ziemlich entkoppelt. Das Titelbild einer Hochglanz-Gazette mit einer prominenten Schönen dürfte soviel Überarbeitung erfahren haben, dass Schönheitschirurgie dagegen wirkt wie der Versuch von ein paar Anfängern. Und auch die Wiederentdeckung einer „normalen“ Schönheit wie in der „Dove“-Werbekampagne von Unilever war weniger eine Revolution als eine Marketingstrategie. Eine erfolgreiche, wie die Umsatzzahlen bewiesen.

Zur Ausstellung im Hygienemuseum: http://www.dhmd.de/neu/?id=188

3 comments

  • Hi Barbie, hast Du Haare gefärbt? Gut siehste aus! Bissel blass, aber ansonsten… Was macht Dein Pferd?

  • Mann und Frau kann die Ausstellung gelassen sehen. Schon immer/ wirklich immer, ist Schönheit manipulierbar gewesen. Das ist keine Erfindung unserer scheinbar verückten Zeit und auch keine wirklich neue Erkenntnis!
    Insofern bietet die Ausstellung nur den AHA- Effekt für den kundigen Betrachter…
    Der Filmemacher von Audrey Hepburn hat in der Aufnahmetechnik einen Fett-Filter verwendet, anderes kannte man da noch nicht, schöne Lippen her oder hin.
    Anton Graff hat als Dresdner Porträtmaler des 18. Jahrhunderts für die Bilder von Lessing; Schiller; G.E. Mara u.a. seinen im Geist der Zeit “Schönzeichner” gefunden…
    Was war also früher “wahrer und schöner”?
    Es sind, fern ab aller Hochglanz-Gazetten seit Jahrhunderten die gleichen Instrumentarien die wirken.
    Nur wurden sie damals noch nicht wie heute massenkonvertibel.
    Das ändert nichts an der manipulativen Schönheit, auch der männlichen….

  • […] Dieser Eintrag wurde auf Twitter von sehnsuchtsort erwähnt. sehnsuchtsort sagte: sehnsüchtig: Schön manipuliert: http://tinyurl.com/ybffzml […]

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