Schuldig, zweifelsohne…

Banja Luka, April 2012. Foto: Strahl

 

Von Tobias Strahl. Der Zug von Sarajevo nach Banja Luka hat regelmäßig eine Dreiviertelstunde Verspätung. Laut Fahrplan geht er um 10.54 von Sarajevo. De facto fährt er nicht vor dreiviertel zwölf. Das Selbe gilt für die Strecke Banja Luka-Zagreb. Als der Bahnbeamte die Verspätung in Sarajevo ausruft, lachen die wartenden Fahrgäste. Das Schauspiel wiederholt sich täglich. Man könnte einen Fahrplan danach schreiben. Aber dann führe der Zug erst halb eins und man käme noch später an.

Der Grund für die Verspätung ist absurd. Zwischen den beiden bosnischen Teilrepubliken, der Republik Srpska und der Föderation Bosnien und Herzegowina, wird die Lokomotive des Zuges gewechselt. Zweimal also auf dem Weg aus der Herzegowina nach Kroatien. In der Republik Srpska bekommt der Zug eine Lokomotive aus der Republik Srpska, in der Föderation eine Lokomotive aus der Föderation. So einfach ist das. Und so umständlich. Ein ähnliches Procedere findet an der Grenze zu Kroatien statt. Keine orthodoxe Lokomotive bosnisch-serbischer Ethnizität befährt das katholisch-kroatische Hoheitsgebiet, bitteschön!

Grenzen haben mir immer Angst gemacht. Im Schlafwagen auf der Fahrt nach Ostrava, ich war neun Jahre alt, die Familie machte Wanderurlaub in den tschechischen Beskiden, flog mitten in der Nacht die Türe auf, ein Grenzpolizist stand im Abteil und begann die peinliche Befragung meiner Eltern.

Das Gelingen von derlei Passagen hängt vom Grenzpolizisten ebenso ab wie vom Zöllner. Wie meine Eltern vor Jahren fühle ich mich heute sofort schuldig, wenn dieser oder jener mich mustert. Zweifelsohne bin ich schuldig, denn bestimmt führe ich im Gepäck etwas mit, was auf der Passage mitzuführen verboten ist, und sicher habe ich etwas getan, was dem Übertritt entgegensteht. Allein der (aus der Sicht des Beamten) schwerlich zu begründende Wunsch, von hier nach dort zu wollen, macht mich verdächtig.

 

Sarajevo, April 2012. Foto: Strahl

 

Wenn ich das Pech habe, von einem unachtsamen Polizisten Kosovos bei meiner Einreise aus Serbien (das ist die kürzeste Strecke) den Pass gestempelt zu bekommen, das heißt, wenn der Beamte aus Kosovo meinen deutschen Pass mit einem kosovarischen Hoheitszeichen versieht, kann ich den Rückweg nach Deutschland nicht mehr direkt über Serbien wählen, denn nach serbischer Auffassung ist Kosovo noch immer ein Teil Serbiens, und aus einem Staat, den es nicht gibt, kann man schlecht einreisen, das wäre das selbe, wie eine Einreise aus dem Himmel mit einem Stempel vom lieben Gott. Ich muss also, wenn ich von Kosovo nach Hause fahre, regelmäßig den Umweg über Mazedonien wählen. An der Station in Kumanovo, an der Grenze zwischen Mazedonien und Serbien, entwertet der serbische Beamte den kosovarischen Stempel, und alles ist wieder in Ordnung; mehrere dicke poništeno (annulliert) prangen bereits über dem Stempel der lažna Republika, der „falschen Republik“ (ein serbischer Ausdruck für Kosovo), in meinem Pass.

Grenzen, ganz gleich welcher Art, fördern offenbar nicht die besten Eigenschaften im Menschen. Wenige Grenzpolizisten oder Zöllner habe ich bisher in mein Herz schließen wollen. Nicht von ungefähr bekommt der Zöllner in einem Text, ich weiß nicht mehr in welchem, sein Fett weg und wird zum ersten Ziel aller Besserungsbemühungen. Doch verleiht die Grenze, so scheint es mir, nicht ausschließlich dem Zöllner Macht, und es ist ungerecht, wenn ich den Menschen für die Ideologie büßen lasse, die er von Amts wegen zu verteidigen hat. Von den vielfältigen (oft willkürlich gezogenen) Grenzen speist sich letztlich beinahe der gesamte politische Diskurs in den Staaten des ehemaligen Jugoslawien, und es sind sicher nicht die Zöllner, die den größten Gewinn daraus ziehen.

An der Grenze zu Kroatien nimmt mich eine Polizistin ins Kreuzverhör: Wohin ich fahre und wie lange ich dort bleibe? Ich sage die Wahrheit: Nach Zagreb, etwa drei Tage. Sie nickt zufrieden und gibt mir meinen wertvollen deutschen Pass wieder. „Dieser Pass ist Eigentum der Bundesrepublik Deutschland“ steht darin in drei Sprachen geschrieben. Wenn sie ihn behält, den Pass, denke ich, dann beklaut sie Deutschland, nicht mich; ich aber, nicht das abstrakte Deutschland, werde dann hier gefangen sein, im Niemandsland zwischen der Republik Srpska und Kroatien, auf einem Wiesenstreifen, der „hüben“ so aussieht wie „drüben“, hier so grün ist wie dort.

 

Zagreb, April 2012. Foto: Strahl

 

In dem Dokument steht weiterhin (in zwölf Sprachen) geschrieben: „Dieser Pass enthält 32 nummerierte Seiten“. Damit ich nichts rausfetzen kann, wo draufsteht, dass ich wo gewesen bin, wo ich nicht gewesen sein sollte, wenn ich dort rein will, wo ich nicht mehr rein darf, wenn ich dort war, wo die Bösen wohnen. Der Wunsch, von hier nach dort zu wollen, ist das Eingeständnis meiner potentiellen Schuld, und es ist allein die Gnade des Zöllners, des Grenzpolizisten, des verlängerten Armes der Herren über die Grenze, wenn ich für diese Schuld nicht büßen muss.

Mit mir im Abteil auf dem Weg von Banja Luka nach Zagreb reist eine Frau mit ihrem kleinen Sohn. Das Kind ist müde, schläft auf ihrem Schoß ein, erwacht an der Grenze, weint. Die beiden könnten etwas eher zu Hause sein. Aber die Lokomotive muss noch gewechselt werden.

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