Sehnsuchtsort Dokufest

Straßenszene in Prizren / Scene in a street in Prizren. Foto: Strahl

Von Bernd Stracke und Tobias Strahl. Nach einer erschöpfenden Fahrt von Prizren wieder in Dresden angelangt, bleibt allein das Resümee der hinter uns liegenden Woche zu ziehen. Eine dreistimmige Liebeserklärung in Englisch und Deutsch an eine Stadt und ihr Filmfestival.

Back in Dresden after an exhausting trip from Prizren there’s nothing left to do than to resume past week’s pleasures. A three-part profession of love to a city and its film festival in English and German.

Sibylle Haase: A cinema for Prizren, this is the humble goal of the DokuFest organisers that they have already been fighting for for one decade – until present still without success. The big mission: to communicate the magic and the power of this medium to a generation that has grown up without cinema. DokuFest is a documentary and short film festival from the inhabitants and for the population of Prizren and Kosovo. Vagrant film screenings throughout the city accessible to everyone and free of charge. Public discussions, exhibitions, concerts, parties, a book fair. Everybody shall find himself or herself represented. Not only by the logo, that combines all proposals received, but also by the multifaceted and comprehensive calendar of events.

The enthusiasm, the professionalism, the creativity and the incredible dynamic of the organisers and its numerous, very young supporters have an exhilarating and inspiring effect. An homage to the cinema, the magic of moving pictures, the mutual experience, creation and the educational mandate that cinema has taken (here) besides entertainment. The enthusiastic efforts to establish or intensify an international and increasingly inter-Balkan cooperation of film festivals with similar character are extraordinarily remarkable. This is European spirit indeed and merits full respect and total encouragement. Cultural exchange seems to overcome political barriers and gives hope to a country, a region and to me as well as. In particular, in the of Balkan and National Dox categories the significance of past and the necessity to come to terms with it become evident. However, the way of handling of this topic and growing receptiveness for the diverse local and regional aspects show that the focus of, to some extent likewise very young, film directors is shifting with sensitive self-confidence towards future. And all that at notably high stage.

“We play in the Champions League, but we don’t have a stadium.“ There is nothing to add to this statement of Aliriza Arenlius, besides Veton Nurkollari one of DokuFest’s masterminds, referring to the missing cinema.

Many thanks to the DokuFest team for the warm reception, the impressing images and the lesson that obviously has to be learned again and again. Go Kosovo 2.0!

Kosovo 2.0 - Flyer für ein kulturelles Netzwerk in Kosovo / Kosovo 2.0 Leaflet for cultural network in Kosovo. Foto: Strahl

Ein Kino für Prizren, so das bescheidene Ziel der Festivalveranstalter. Seit einem Jahrzehnt kämpfen sie – bisher noch erfolglos – dafür. Die große Mission: einer Generation, die ohne Kino aufgewachsen ist, den Zauber und die Kraft dieses Mediums zu vermitteln. Dokufest ist ein Dokumentar- und Kurzfilmfestival von den Einwohnern und für die Bevölkerung Prizrens und Kosovos. Wandernde Filmvorführungen in der Stadt, für jeden zugänglich und kostenfrei. Öffentliche Diskussionen, Ausstellungen, Konzerte, Partys, eine Buchmesse. Jeder soll sich wiederfinden. Nicht nur im Logo, das alle eingesendeten Vorschläge vereint, sondern auch im vielfältigen und ganzheitlichen Veranstaltungsprogramm.

Der Eifer, die Professionalität, die Kreativität und die unglaubliche Dynamik der Organisatoren und ihrer zahlreichen sehr jungen Unterstützer wirken ansteckend, berauschend und inspirierend. Eine Hommage an das Kino, den Zauber der bewegten Bilder, das gemeinsame Erleben, Gestalten und den Bildungsauftrag, den das Kino bei aller Unterhaltung (hier) ebenfalls angenommen hat. Besonders beeindruckend sind die eifrigen Bestrebungen, eine internationale, und verstärkt auch balkanübergreifende Kooperation mit ähnlich angelegten Filmfestivals zu schaffen bzw. zu stärken. Ein durchaus europäischer Geist, der jeden Respekt und jegliche Unterstützung verdient. Kultureller Austausch scheint politische Schranken zu überwinden und gibt einem Land, einer Region und mir persönlich Hoffnung. Besonders im Spektrum der Dokumentar- und Kurzfilme der Kategorien Balkan und National Dox wurde der Stellenwert der Vergangenheit und die Notwendigkeit deren Aufarbeitung sichtbar. Jedoch die Form des Umgangs mit diesem Thema und die Öffnung für die Vielfalt lokaler und regionaler Aspekte, zeigen, dass sich der Fokus auch bei den teilweise ebenfalls sehr jungen Regisseuren verschiebt – in Richtung Zukunft mit Selbstbewusstsein und Feingefühl. Und das auf beachtlich hohem Niveau.

„Wir spielen in der Champions League, haben aber kein Stadion.“ Der Aussage Aliriza Arenlius, neben Veton Nurkollari einer der Köpfe des Dokufest, der hier auf das Fehlen einer festen Spielstätte verweist, ist nichts hinzuzufügen.

Vielen Dank an das Dokufest-Team für die herzliche Aufnahme, die bewegenden Bilder und die Lektion, die es wohl immer wieder zu lernen gilt. Go Kosovo 2.0!

Eintritt am Lumbhardi-Kino in Prizren / Entrance at the Cinema Lumbhardi in Prizren. Foto: Strahl

Bernd Stracke: The images in my head were manifold before we arrived to Prizren after a long trip. Civil war, burned residential buildings and churches, poverty, criminality. Admittedly, a dark scenery shaped by media information and literature I have collected prior to the voyage to the Republic of Kosovo. A picture I certainly shared until that day with many North Eastern Europeans.

Already on the first evening in this young and friendly city I was taught otherwise. It felt like having stumbled into the mirror of “Alice in Wonderland”. My images stood upside down, and I was lucky being able to create new ones.

Everywhere, totally different people talked to and welcomed us. The central square around Sinan Pasha Mosque in Prizren, the “Shadervan” brims over with young people; we are received at the DokuFest pavilion, and within shortest notice we have a hotel room (brand-new and right in the city centre), programmes, press kits and first invitations for press conferences and events within the scope of the festival. The organisation by the young volunteer supporters is professional and complete. These impressions are confirmed daily throughout an exiting week in Prizren.

We see and experience documentaries related to contemporary Balkan history, DokuKids, an event and series of workshops for children, discussions and workshops on renewable energy, films from Iran, Human Rights Dox as well as concerts and parties.

Also in other places of the city, at markets and in shops, people come towards us, contact us, and communicate.

I am aware that Prizren and, especially, “Shadervan“ in the times of DokuFest do not represent the entire Republic of Kosovo, however optimism, vitality, friendliness and dedication provide a wealth to this city that I miss in different regions of Germany.

If this young generation gets a chance – with freedom of travel, exchange and attention – the images in our minds will change, and we will quickly recognise that they provide valuable benefit to all other European countries, and that we can learn a lot from them.

Der iranische Regisseur Mohsen Makhmalbaf während einer Diskussionsveranstaltung in Prizren. Iranian director Mohsen Makhmalbaf during a panel discussion in Prizren. Foto: Strahl

Die Bilder im Kopf waren vielfältig, bevor wir nach einer recht langen Anfahrt in Prizren ankamen. Bürgerkrieg, abgebrannte Wohnhäuser und Kirchen, Armut, Kriminalität. Ein zugegebenermaßen finsteres Bild, geprägt durch Informationen aus den Medien, aber auch aus der Literatur, die ich mir vor dem Besuch in der Republik Kosovo besorgt hatte. Ein Bild, das ich sicherlich mit vielen Nord-Ost-Europäern bis dahin geteilt habe.

Bereits der erste Abend in dieser jungen und freundlichen Stadt belehrte mich eines Besseren. Es war, als wäre ich durch den Spiegel von „Alice im Wunderland“ gestolpert. Meine Bilder standen Kopf und ich hatte das Glück mir neue machen zu können.

Überall wurden wir von völlig verschiedenen Menschen angesprochen und willkommen geheißen. Der zentrale Platz um die Sinan Pascha-Moschee in Prizren, der „Shadervan“, quillt über von jungen Menschen; am Pavillon des Dokufest werden wir begrüßt und in kürzester Zeit haben wir ein Hotelzimmer (nagelneu und mitten in der Innenstadt), Programme, Pressemappe und die ersten Einladungen zu Pressekonferenzen und Veranstaltungen im Rahmen des Festivals. Die Organisation durch ehrenamtlich engagierte Jugendliche ist professionell und lückenlos organisiert. Diese Einrücke werden über eine spannende Woche in Prizren täglich bestätigt.

Wir sehen und erleben themenbezogene Dokumentarfilme zur Zeitgeschichte des Balkan, das Doku-Kids, eine Veranstaltungs- und Workshopreihe für Kinder, Diskussionen und Workshops zu erneuerbaren Energien, über Filme aus Iran, Human-Rights-Dox sowie Konzerte und Partys.

Auch an anderen Orten der Stadt, auf den Märkten und in den Geschäften, kommen uns die Menschen entgegen, suchen Kontakt und teilen sich mit.

Mir ist bewusst, das Prizren und vor allem der „Shadervan“ zum Dokufest nicht der ganzen Republik Kosovo entsprechen, aber der Optimismus, die Lebensfreude, die Freundlichkeit und das Engagement sind ein Reichtum, der in dieser Stadt vorhanden ist, und den ich in verschiedenen Regionen in Deutschland vermisse.

Wenn diese junge Generation eine Chance bekommt, durch Reisefreiheit, Austausch und Aufmerksamkeit, dann werden sich auch unsere Bilder im Kopf verändern und wir werden schnell erkennen, dass sie ein riesiger Gewinn für die anderen Länder Europas sind und wir viel von ihnen lernen können.

Straßenszene in Prizren / Scene in a street in Prizren. Foto: Strahl

Tobias Strahl: Once again I have to correct my image of Kosovo. The last time I have been there was in 2010. The region currently seems to change with breathtaking velocity. The urge of the young Kosovo to become one day part of the European Union does not go without notice. I dearly wish for Kosovo that it will, although I am aware of how long that might still take.

“Process“ is a word often mentioned in the conversations we have had during the last days. Not only the recent impressions of Kosovo help me to bury, besides old images, an old way of thinking. I want to call it the lexical way of thinking. The old, dusty crap one regularly collects in poorly ventilated drawers is not worth being kept for long. I would like to travel permanently and contemplate – only earning a living and the science of pigeonholing drive me back to Germany once more.

The people on the Balkans need us. Especially in Kosovo. Many people live there, not only young ones, who are severely affected by the fact that they are not allowed to travel, to exchange their views and to drink up the world. People in Kosovo see films from Spain, Germany, the USA, Sweden, Russia, from the entire world; however this world remains only part of a film. I am nearly too young to comprehend their incredible, unaccomplished desire. Hearing of this, my parents, the old Easterners, and my grandparents, the losers of two dictatorships, have creeping horrors. This situation, as soon as possible, has to be turned into history for Kosovo.

Einmal mehr muss ich mein Bild von Kosovo revidieren. 2010 war ich das letzte Mal dort – die Region scheint sich derzeitig mit atemberaubender Geschwindigkeit zu verändern. Nicht zu übersehen ist der Drang des jungen Kosovo, dereinst Teil der Europäischen Union zu sein. Ich wünsche es Kosovo von ganzem Herzen, wiewohl ich mir bewusst bin, wie lange das noch dauern kann.

„Prozess“ ist ein Wort, das oft in den Gesprächen gefallen ist, die wir in den letzten Tagen geführt haben. Nicht nur die frischen Eindrücke in Kosovo helfen mir, neben alten Bildern ein ganzes altes Denken zu beerdigen. Ich will es das lexikalische Denken nennen. Der ganze alte, verstaubte Mist, den man regelmäßig in seinen schlecht belüfteten Schubladen sammelt – es lohnt sich einfach nicht, ihn lange aufzuheben. Gern würde ich permanent reisen und beobachten – allein, Broterwerb und die Wissenschaft von den Schubladen treibt mich einmal mehr zurück nach Deutschland.

Die Menschen auf dem Balkan brauchen uns. In Kosovo ganz besonders. Dort leben jede Menge Menschen, nicht nur junge, die fürchterlich und mit allem Recht darunter leiden, dass sie nicht reisen, sich austauschen, die Welt in sich hineinsaufen dürfen. Menschen in Kosovo sehen Filme aus Spanien, Deutschland, den USA, Schweden, Russland, der ganzen Welt, und doch bleibt diese Welt in den Filmen zurück. Ich bin fast zu jung, um ihre unglaubliche, unerfüllte Sehnsucht nachvollziehen zu können, meine Eltern, die alten Ossies, und die Großeltern, die Verlierer zweier Diktaturen, überläuft es kalt, wenn sie davon hören. Diese Situation muss so schnell wie möglich Geschichte für Kosovo werden.

 

 

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