Stadt an drei Wassern – Istanbul III

Istanbul. Foto: Strahl

 

Von Tobias Strahl. „Ich weiß nicht, was mit euch los ist“ – Acar blickt mich nachdenklich an. „Was ist euer Problem?“ Wir unterhalten uns über das Kopftuchverbot – nicht nur in der Türkei ein heißes Eisen. In der laizistischen Türkei war das Tragen von Kopftüchern lange verboten. Es gilt als religiöses Symbol, eine angebliche Zurschaustellung, die säkularen Kräften ein Dorn im Auge ist. Im Westen wird die von Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan maßgeblich angestoßene Debatte in einigen Kreisen als Abkehr von der säkularen Politik der Türkei und Zugeständnis an konservative Politiker gewertet.

“Eine Frau im Minirock in der Kirche stört euch nicht; wenn sie aber mit einem Kopftuch studiert, dann ist das schlecht”; Acar schüttelt mit dem Kopf. “Schau mal, ich bin Kurde; ich habe drei Schwestern; zwei tragen Kopftuch, eine trägt es nicht; sie können sich das aussuchen; in unserer Familie zumindest schreibt ihnen das niemand vor; es ist ihre Entscheidung; glaubst du, mit einem Verbot oder einem Gesetz machst du die Leute schlauer?” Ich kann nichts erwidern und halte die Klappe.

Später: Aufklärung in umgekehrter Richtung. Auf eine Art zwingend logisch, dass wir, die Aufklärungsapostel, unserer eigenen Doktrin auf den Leim gehen.

Istanbul macht Appetit. Allenthalben findet man sich mit Sesambretzel, Esskastanien oder Börek irgendwo wieder.

Istanbul. Foto: Strahl

 

Am Vortag beinahe unausgesetzter Regen. Dafür ist die Luft heute klar. Den ganzen Tag an der Seite der bezaubernden Genoveva zu Fuß die Stadt erkundet. Am Abend halb erfroren jedoch “durchweht” und glücklich.

In der Erlöserkirche des Chora-Klosters. Wie so viele byzantinische Kirchen wurde auch diese während der osmanischen Herrschaft als Moschee genutzt. In der Erlöserkirche sind die meisten der fantastischen Fresken erhalten geblieben – ich übe mich in christlicher Ikonographie.

Fresken in der Narthex der Erlöserkirche des Chora-Klosters. Foto: Strahl

 

Dann beobachte ich Genoveva, vorsichtig, dass sie mich nicht dabei erwischt. Leise und behutsam, mit weit geöffneten Augen, beinahe mit der unwirklichen Präsenz eines Fabelwesen, erkundet sie staunend die Räume der Kirche; ich bin mir sicher, dass sie außer mir niemand sehen kann. Dann denke ich plötzlich: wie wir uns empören, über Dinge, die zerstört werden, von denen wir meinen, dass sie uns repräsentieren; die so verschwinden und unsere mühsam konstruierte Geschichte mit sich reißen; Häuser, Kirchen, Türme, Mauern, Erinnerungen. Wenn ich bedenke, dass die Möglichkeit besteht, dass ein Wesen wie Genoveva zerstört werden kann, dauert es mich um kein Bauwerk, und sei es noch so bedeutend; dann mag die Welt untergehen – kein Schrein wiegt das Wunder eines Menschen auf.

Osman Hamdi Bey (1824-1910) richtete das Archäologische Museum in Istanbul ein (1881-1891); er leitete außerdem eine ganze Reihe Expeditionen, nach Libanon etwa, und Ausgrabungen. Bey versorgte die Osmanen mit Geschichte, mit Identität, in einer Zeit, da ihre Weltgeltung zu schwinden begann, als der “Kranke Mann am Bosporus” Geschichte und Identität bedürftig war. Die imaginäre Bedeutung der Osmanen wuchs unter Osman Hamdi Bey in dem Maße wie ihre weltpolitische schwand. Immer wieder werden in Museumstexten die für diese Zeit immensen Anstrengungen während Expeditionen und Ausgrabungen betont. Das Verlangen nach Geschichte muss groß gewesen sein.

Die Geschichtlichkeit des osmanischen Reiches wurde so zur Geschichte und damit greifbarer, dichter; einer der Kristallisationspunkte dieser Geschichte ist Istanbul, eine vermeintliche Summe der Geschichte; das Abbild einer Stadt, wie sie in dieser Idealität nie existiert hat. Die so erfundene Stadt rückt uns näher, vermengt sich mit der gegenwärtigen – und es gibt so viele Städte in Istanbul wie es Menschen gibt, die in einem Moment “Istanbul” denken.

Der Große Basar nahe Eminönü am Bosporus. Foto: Strahl

 

Heftiges Schneetreiben setzt ein. Der große Basar und ein weiterer Markt nahe der Fatih-Moschee. Auf letzterem habe ich das erste Mal Lust, etwas zu kaufen: Käse, Rosinen und ein Gemüse, das ich für ein riesiges Radieschen halte, das in Wirklichkeit aber eine kleine Rübe ist.

Wochenmarkt in der Nähe der Fatih-Moschee. Foto: Strahl

 

Ich neben Genoveva; wir in der Stadt, die wir uns selbst erfinden, unser Istanbul; am Abend warten Osman und Acar auf uns; Athene in einem Umhang aus Schlangenkörpern; aus Cybele wird Aphrodite; frühe Darstellungen von Psyche mit Schmetterlingsflügeln – ein Symbol der unsterblichen Seele; Bauwerke, die vermeintlich unsterblich erscheinen; Eros, der, von Psyche erkannt, sich zurückzieht, Istanbul – Stadt an drei Wassern!

Istanbul. Foto: Strahl

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