(Un)Kulturen

Von Torsten Klaus. Das Sortieren ist seit Wochen und Monaten eine kaum noch zu bewältigende Aufgabe. Denn Dresden bleibt Ort sich kreuzender und aufeinander prallender Meinungen. Wo also anfangen?

 

Beim Beschreiben vielleicht.

 

Es gab Montage, da habe ich nach Feierabend den Pegida-Zug durchquert. Dieses Aufeiandertreffen im 90-Grad-Winkel, das Ineinander-Hindurchhuschen, wie es zwei Galaxien tun – ich erspare mir weitere Bilder. Der Kosmos derer, die da laufen, die sich oft genug lautstark bemerkbar machen, ist nicht meiner, wird er nie sein. Gründe? Viele.

 

Ich hatte in diesem Jahr zweimal das zweifelhafte Vergnügen, mich inmitten von Protestierenden wiederzufinden, die ihre Pegida-Nähe durch Sticker und Parolen klar zeigen. Bei der Eröffnung zweier Kunstwerke an der Frauenkirche, um genauer zu sein: Manaf Halbounis „Monument“ und des „Denkmals für den permanenten Neuanfang“ des Künstlerpaars Heike Mutter und Ulrich Genth.

Manaf Halbouni vor seinem Bus-„Monument“ im Gespräch mit Besuchern.                                                       Foto: Dietrich Flechtner

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(Un)Kulturen

Von Torsten Klaus. Der Staub hat sich etwas gelegt nach der Wahl von Donald Trump zum nächsten Präsidenten der USA. Mir ging es im Angesicht der Wahlnacht und ihrer Folgetage, auch aus der engen persönlichen Verbundenheit zum Land und dort lebenden Freunden, ähnlich wie vor kurzem meiner geschätzten Sehnsuchtsort-Autoren-Kollegin Anna-Maria Schielicke mit den aktuellen Dresdner und sächsischen Zuständen: Man meint, jeden Tag neu in die Tasten greifen zu müssen, um einen weiteren Text vorzulegen, weil schon wieder eine andere Befindlichkeitssau im Schweinsgalopp unterwegs ist – egal, ob „nur“ in Dresden oder global. Und schreibt dann doch nicht, hält inne, will die Dinge sacken lassen.

Beim Thema Trump und der Schlagzahl der News, die um seine Person aufstiegen wie Blasen im Whirlpool, war das in den vergangenen Wochen ähnlich. Er setzt nun seine Regierungsmannschaft zusammen und damit Akzente seiner politischen Agenda. Dieser Paradigmenwechsel hat auch die Zeit für eine Zustandsbeschreibung heranreifen lassen, die gleichfalls die Reparatur eines, zugegeben, immer noch angeknacksten Gemüts ist. Meins.

Was wird aus den USA? Diese Frage bewegt auch uns... Quelle: pixbay/Creative Commons
Was wird aus den USA? Diese Frage bewegt auch uns… Quelle: pixabay/Creative Commons

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(Un)Kulturen

Von Torsten Klaus. Was ist nur los in der Welt, mit der Welt? Als das neue Millenium begann, sah alles noch verheißungsvoll aus. Der Ostblock, fast überall mehr oder minder friedlich implodiert, war auf dem Weg in liberale, aufgeklärte Gesellschaften gut vorangekommen. Er hatte sich gewandelt, wandeln müssen. Das meinte der im systemischen Siegestaumel an sich selbst besoffene Kapitalismus westlicher Prägung dagegen nicht nötig zu haben: Wandel. Dann folgte 9/11, und der Westen, vor allem die USA als seine Führungsnation, änderte sich dann doch: zu einem Ort einer weit ins Paranoide hineinreichenden Dauerüberwachung von allem und jedem, der den selbsternannten Hütern von Grundrechten und sogenannten abendländischen Werten vor die Verdachtslinse lief. Die Demokratie mutierte zu einer Diktatur der Geheimdienste. Die Angst wurde zur Triebfeder, die Feigheit zu ihrem ständigen Begleiter. Die Welt läuft seither vor allem in Richtung Konfrontation, manchmal möchte man meinen: fast Amok. Und die westliche Politik hat sich wie immer mehr ihrer Protagonisten von dem verabschiedet, was sie einst stark machte: von der anhaltenden Suche nach Kompromissen, mit denen alle Beteiligten eines bestimmten Problems leben können. Alles um uns ist hochgradig polarisiert: Wir gegen die, Schwarz oder Weiß, friss oder stirb. Für Graustufen bleibt da immer weniger Platz. In einer komplexen Lage suchen außerdem viele, zu viele Menschen zu einfache Antworten. Ich nenne es die Verweigerung des Denkens. Oder ist es die Feigheit davor?

 

Seit den Anschlägen auf das New Yorker World Trade Center macht vor allem der Westen eine Entwicklung zur Paranoia durch, die anhält.                                          Foto: Michael Foran, flickr, Creative Commons

 

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(Un)Kulturen

Von Torsten Klaus. DDR-Themen spielen an dieser Stelle kaum eine Rolle. Heute gibt es eine Ausnahme, aus gutem, schlechtem Grund. Vor 50 Jahren, vom 16. bis 18. Dezember 1965, fand in Berlin das 11. Plenum des Zentralkomitees (ZK) der SED statt. Es ging als „Kahlschlag-Plenum“ in die Geschichte ein. Parteifunktionäre suchten nach Schuldigen für die weiterhin schlechte Wirtschaftsentwicklung des Landes. Sie meinten sie in der DDR-Kulturlandschaft gefunden zu haben. Bücher und Filme zeigten zu jener Zeit oft Konflikte im Alltag, die schattige Seite des lichten Pfades hin zu Sozialismus und Kommunismus. Das ZK aber wollte anderes: jungen Menschen den „richtigen Weg“ zeigen, der natürlich nur der der Partei sein konnte. Die Entwicklung der DDR führte von da an endgültig in eine Sackgasse.

Erich Honeckers damalige Plenum-Rede begann mit einem geradezu lächerlich kleinbürgerlichen Statement, das die Richtung vorgab: „Unsere DDR ist ein sauberer Staat.“ Später setzte er hinzu: „Wollen wir die Arbeitsproduktivität und damit den Lebensstandard weiter erhöhen, (…), dann kann man nicht nihilistische, ausweglose und moralzersetzende Philosophien in Literatur, Film, Theater, Fernsehen und in Zeitschriften verbreiten.“ Das zielte unter anderem auf die Verfilmung des Erik-Neutsch-Romans „Spur der Steine“ durch Frank Beyer. Der Dramatiker Heiner Müller hatte den Stoff etwa zeitgleich unter dem Titel „Der Bau“ in Arbeit.

 

Continue reading „Das vorweggenommene Ende: Vor 50 Jahren war Schluss mit liberaler Kultur in der DDR“

Dresden in der Welt

Von Torsten Klaus. Er war von Beginn an da, hier unterschwellig, dort mehr oder weniger offen zur Schau getragen: der Hang zur Gewalt von Pegida-Demonstranten. Gestern Abend nun sind mehrere Journalisten-Kollegen in der Nähe des Landtages in Dresden aus den Pegida-Reihen heraus tätlich angegriffen worden. Die Schläger flüchteten offenbar nach ihrer Attacke zurück in den Schoß der Masse, von Gejohle und Applaus begleitet. Ein zutiefst feiger Vorgang.

 

Montägliche Pegida-Prosa. Foto: DNN
Montägliche Pegida-Prosa.                                                                                                                                                                                                                                         Foto: DNN

 

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Die Welt um Dresden

Von Torsten Klaus. „Our timeless task in the Labour Party is to stand up against injustice wherever we find it.“ Der Mann, der das sagt, ist nach deutschem Verständnis schon Rentner: Jeremy Corbyn, 66 Jahre alt, seit 32 Jahren Abgeordneter im britischen Unterhaus. Dort hat das Mitglied der Labour Party nie ein Hehl daraus gemacht, dass er vor allem von den fundamentalen Kurswechseln seiner Partei nichts hielt, die zwar Tony Blairs Weg in die Downing Street ebneten, der Labour Party aber seither lediglich einen festen Platz in der Loge politischer Beliebigkeit sichern. In wenigen Tagen könnte Corbyn, falls sich die Demoskopen nicht irren, einem überraschenden Erdrutsch gleich die Spitze seiner gebeutelten Partei erobern. Ein Vorgang, der dem hiesigen Pendant von Labour, der SPD, nur umso deutlicher vor Augen führt, dass in Deutschland etwas Ähnliches völlig ausgeschlossen scheint. Eine kleine Geschichte darüber, warum das so ist.

Jeremy Corbyn beim "No More War"-Event im August 2014 auf dem Parliament Square in August. Foto: Garry Knight, London (Creative Commons stock)
Jeremy Corbyn beim „No More War“-Event im August 2014 auf dem Parliament Square. Foto: Garry Knight, London (Creative Commons stock)

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Dresden in der Welt

Von Torsten Klaus. Nein, einen Lagerwahlkampf gab es nicht zwischen Eva-Maria Stange und Dirk Hilbert. Aber einen der Richtungen, meiner Einschätzung nach zum ersten Mal im Dresden der Nachwendezeit. Das Gute: Viele haben sich zusammengefunden, auch als Wähler, um der Stadt einen Schub zu verpassen, einen Aufbruch in eine Welt, die an den Kämmen des Elbtals eben nicht endet, sondern anfängt. Die Kehrseite: Es hat nicht gereicht für den Wechsel. Zumindest nicht für den personellen. Vielleicht aber, nimmt man die Ankündigungen des Wahlsiegers Hilbert ernst (umd warum sollte man das nicht), ist auch ihm klar geworden, dass es in Dresden mehr bedarf als nur Wirtschaftsförderung, um eine Stadtentwicklung zu betreiben, die ihren Namen verdient. 

 

Durch welche Tür geht's weiter? Foto: photodesk.at via flickr.com
Durch welche Tür geht’s weiter?
Foto: photodesk.at via flickr.com

 

Continue reading „Der Hang zum Verwalten: Hilbert ist gewählt, doch Stanges Themen bleiben“

(Un)Kulturen

Von Torsten Klaus. Neil Postman schrieb 1985: „Fernsehen wurde nicht für Idioten erschaffen – es erzeugt sie.“ Um wie viel mehr gilt dieser Satz dann im Zeitalter des Internets? Das wohlweißlich kein reines Unterhaltungsmedium ist, aber das ist das Fernsehen ja ebenso wenig. Doch beide sind von denen, die sie betreiben und nutzen, mehrheitlich offenbar zum reinen Ergötzungskanal erniedrigt worden. Man kann, rein programm- und angebotstechnisch gesprochen, gar nicht so viel fressen, wie man kotzen möchte (danke an Max Liebermann). Postman, der 2003 starb, konnte und musste noch viel von dem, was er 1985 in „Wir amüsieren uns zu Tode“ so treffend über unser aller Verflachung im Angesicht des Medienkosmos geschrieben hatte, zur Potenz erhoben in seiner Neo-Umsetzung erleben.

 

Continue reading „Ich und ich: Die anhaltende Aufmerksamkeitsgeilheit ist ein Abgrund, auf den wir wie die Lemminge zusteuern“

Dresden in der Welt

Von Anna-Maria Schielicke, Anja Bohländer, Tobias Strahl und Torsten Klaus. Die Zahl derer, die das Thema Pegida mehr oder minder als erledigt betrachten, wächst. Das mag einerseits viele erleichtern, besonders mit Blick auf den nahen 13. Februar und die tatsächlich kürzlich noch im öffentlichen Raum schwingende Frage, ob Pegida zum 70. Jahrestag der Dresdner Bombardierung eine eigene Demonstration anmeldet, vielleicht gar eine eigene Menschenkette auf die Beine stellt. Gewundert hätte es nicht: Bei der Vereinnahmung von Symbolen (Wir sind das Volk) hatten die Pegidaner bislang ja eher keine Manschetten. Doch die Spitze der Pegida ist mittlerweile auseinandergebrochen. Passiert das nun auch mit der Masse dahinter? Teilt sie sich in Extreme und Gemäßigte? Löst sich hier ein Problem oder verdoppelt es sich? Fragen allüberall, auf die auch die Expertenlegion aus Soziologen, Politik- und Kommunikationswissenschaftlern bisher nur wenig belastbare Antworten lieferte. Selbst die – bis auf wenige Ausnahmen – hilf- und kopflos agierende Politikerschar im Freistaat erging sich nur, leider fast erwartungsgemäß, in Schockstarre. Die Staatskanzlei brillierte durch Hilflosigkeit. Was an dieser Stelle nun folgt, sind sowohl Bestandsaufnahme als auch Ausblick zum Thema Pegida. Beides, das lässt sich vorab schon mal zusammenfassen, ist alles andere als rosig.

 

Stephan Popella: Deutscher Wald, 2014. Abbildung mit freundlicher Genehmigung des Künstlers
Stephan Popella: Deutscher Wald, 2014.                                                                             Abbildung mit freundlicher Genehmigung des Künstlers

 

Continue reading „Dresden, Pegida und der 13. Februar: rechts vor links?“

Blick über die Save auf Zagrebs Skyline. Foto: Ivan Antolic, Craetive Commons, Wikimedia
Die Welt um Dresden

 

Von Torsten Klaus. Städte schmiegen sich gewöhnlich mit ihrem Zentrum an Flüsse. Eine Binse, die nicht immer zutrifft. Zagreb ist so eine Ausnahme. Dort fließt die Save eher im Süden der knapp 800 000 Einwohner zählenden Hauptstadt Kroatiens. Ein alles andere als mächtig wirkender Fluss, der eigentlich nichts Wildes hat. Wer am Ufer entlangspaziert, sieht dort die schlammigen Überreste des letzten Hochwassers, dem sicher bald das nächste folgen wird. Die Save aber ist so richtig erst seit der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg mit Zagreb verwoben, als die Stadtväter begannen, südlich des Flusslaufs das Viertel Novi Zagreb aus dem Boden zu stampfen. Beton-Neubauten und Magistralen, wie sie mir aus meinen Kindertagen in Thüringen bekannt sind. Vielleicht fühle ich mich deshalb in Novi Zagreb auf eine eigentümliche Weise zu Hause. Das aus städtebaulichen Gründen erfolgte Überqueren des Flusses, das Bauen jenseits seiner Ufer, hat ihn also schlussendlich eingemeindet. Wenn auch mit reichlich Verspätung.

 

Blick über die Save auf Zagrebs Skyline. Foto: Ivan Antolic, Craetive Commons, Wikimedia
Blick über die Save auf Zagrebs Skyline. Foto: Ivan Antolic, Creative Commons, Wikimedia

 

Continue reading „Der lange, dünne Arm des Krieges: In Zagreb ist die Kunst politisch, wogegen vor allem die Jugend von der Politik kaum noch etwas erwartet“