Viel Glück zum Nicht-Geburtstag: Charles Bukowskis 90.

Von Torsten Klaus. Was zu trinken war meist in der Nähe, was zu rauchen auch. Und ’ne Schreibmaschine in Reichweite. Mit einem Bier bewaffnet (andere Munition in Flaschenform nicht ausgeschlossen) setzte sich der bärtige Typ an die Tasten und hämmerte aufs Papier, was seine Welt zusammenhielt: Suff, Wetten, Frauen. Diese Geschichten bekam man sonst nirgends zu lesen. Die hatten Copyright. Sein Copyright: Charles Bukowski. Er schrieb, wie er später sagte, „um meinen Arsch zu retten“.

Charles Bukowski

Bukowski sorgte dabei für seine eigene Poetologie, die durchaus eine Menge mit Sex & Drugs & Rock’n’Roll zu tun hat. Sein Rock’n’Roll war weniger musikalisch als existenziell, denn Bukowski – das war underground. Und damit hatte er eine wesentlich tiefere Bedeutung als der aufgesetzte Rebellenkram, der überwiegend als Rock’n’Roll verkauft wird. Der Begriff Poetologie wäre ihm dabei wahrscheinlich auch egal gewesen wie ein abgeschnittener Fußnagel.

In seinen Kolumnen, den „Notes of a Dirty Old Man“, die er für das Alternativblatt „Open City“ in Los Angeles schrieb, findet sich neben vielen anderen Exkursen in typisch Bukowskisches Terrain auch Folgendes: „Die Öffentlichkeit nimmt sich von einem Schriftsteller, was sie braucht, und den Rest lässt sie unter den Tisch fallen. Und was sie unter den Tisch fallen lassen, ist meistens das, was sie am nötigsten hätten.“ Nüchterne Bestandsaufnahme. Sagte ich nüchtern? ’ntschuldigung.

Es gibt Fragen zu Charles Bukowski, die lassen sich leicht beantworten, möglicherweise zu leicht.

War er Chauvinist und Sexist? War er. Wer das bezweifelt, sollte sich die Interview-Sequenz anschauen, in der er nach seiner Freundin Linda Lee Beighle schlägt und tritt. Ein paar Jahre später waren sie übrigens verheiratet. Und auch sonst litt Bukowski nicht gerade an mangelnder Aufmerksamkeit von Seiten der Frauen, hatte Beziehungen und Affären. Oft gleichzeitig. –

Hat er gesoffen? Wie ein Loch. Und doch – oder vielleicht gerade deshalb – hatte er einen eigenen Stil, beim Schreiben zumindest. Saufen war dabei logischerweise kein Hobby, das nur ihm freigestanden hätte. Aber ihm hat man es vorgeworfen, wenn’s gerade wieder passte. Bei anderen kam diese Aufregung schaumgebremster daher, auf den leisen Pfoten bildungsbürgerlicher Erschrockenheit, wohl auch über Charakterzüge, die den Kritikern selbst nicht fremd waren. Wer will, kann nachlesen, wie viele andere große Namen der Literatur an der Flasche hingen, zum Beispiel in Donald W. Goodwins Buch „Alkohol & Autor“. –

War er ein guter Schriftsteller? Oh ja. Und wer was anderes erzählt, den fordere ich auf Pistolen. Bukowskis Gedichte beispielsweise sind sicher eher verhackstückte Kurzprosa, aber immer noch amüsant. Seine Geschichten und Kolumnen nehmen es an Dichte mit den besten auf, sein alter ego Henry Chinaski in den Romanen Bukowskis ist ein Abbild – wovon eigentlich? Eine Mischung aus white trash, intellektuellem Niedergang, Alkohol und Nihilismus. Klingt wie die Vorwegnahme der gesamten Postmoderne ohne deren Zitatverliebtheit. Was Bukowski dagegen gänzlich abging, ist Subtilität. Die brauchte er aber auch nicht, weil sich darin vielleicht schon der Verrat findet an einer Welt, die er überschaubar halten wollte. Wer sich aber über die begrenzten Sujets Bukowskis aufregen will, nur zu. Lediglich ein kurzer Einwurf: Die meisten Autoren schöpfen aus ihrem unmittelbaren Umfeld. Konnte schließlich nicht jeder à la Truman Capote seine Tage in der Upper Class der Upper East Side verbringen.

Auch deutsche Verlage haben an Bukowski verdient (der übrigens gebürtiger Deutscher war, in Andernach zur Welt kam). Trotz des Kenners Carl Weissner, von dem viele Übersetzungen stammen, bleibt aber zumindest bei so manchem Buchtitel ein schaler Beigeschmack. Aus dem Roman „Ham on Rye“ (eine Anleihe bei Salingers „Catcher in the Rye“) wurde „Das Schlimmste kommt noch oder Fast eine Jugend“, der Storyband „South of No North“ mutierte zu „Ein Profi“, die Gedichtsammlung „You Get So Alone at Times that It Just Makes Sense“ schrumpfte zu „Roter Mercedes“, aus seinen Kolumnen „Notes of a Dirty Old Man“ wurden „Aufzeichnungen eines Außenseiters“. Dem Publikum weichgespülte Titelübersetzungen bieten, weit weg von den Notizen eines alten Mistkerls, aber Kohle machen mit dem Text. Tolle Verlagsarbeit. Gut möglich, dass diese Cover-Simplifizierungen den Blick auf Bukowskis im Original durchaus herrschende poetische Note verstellt haben. Ein Aufruf an kommende Neuübersetzer also, das zu bedenken.

90 Jahre wäre Bukowski heute geworden, wenn er es geschafft hätte. Hat er aber nicht. 1994 war Feierabend, aber er starb weder an Leberkrebs noch an Zirrhose, sondern an Leukämie. Zu Tode gesoffen hat sich Charles Bukowski also nicht. Und es dürfte keinen geben, der das mehr bedauert hat als er.

4 comments

  • Danke für Die Erinnerung. Beim Lesen fiel mir ein, dass wir zu Abiturzeiten Bukowski kultisch verehrten. „Junge mit der Ledertasche“ war in eingeweihten Kreisen die Anrede, wenn man sich außerhalb des Schulgeländes mit geschultertem Ranzen traf.

    Was wir in so jungen Jahren an Bukowski fanden, ist klar: er sprach aus, worüber Eltern, Lehrer und Gesellschaft schwiegen. Ein besonders progressiver Pädagoge, der den Deutsch-Leistungskurs leitete, forderte einen Klassenkameraden auf, aus Bukowski vorzulesen. Er hatte aber nicht den Mut, sich den Texten mit wirklicher Neugierde zu nähern. Da musste schnell von der bildungsbürgerlichen Kanzel abgeurteilt werden.

    Heute würde ich Bukowski ganz anders lesen, mehr an seiner Schreibe als an seinen Provokationen interessiert (die oft gar keine waren, es war halt sein Ding, sein Leben).

    Mindestens in einem Fall möchte ich eine Lanze für die deutsche Übersetzung brechen: aus Women wurde Das Liebesleben der Hyäne. Das ist über jede Kritik erhaben.

  • Danke retour, wir erinnern gern an Dinge, an die wir uns wiederum gern erinnern.
    Dabei hatte ich fast schon befürchtet, mit dem Thema Bukowski dem Vorwurf eines männerdominierten Blogs erneut Vorschub zu leisten. Aber ich bin ganz hoffnungsvoll, auch Autorinnen zu gewinnen. Übrigens: Wie wär’s mit einem Gastbeitrag, liebe Muyserin? Alles offenes Gelände.

  • Leider vergaß ich, für diesen Artikel den Kommentarfeed zu abonnieren, so dass mir Antwort und Angebot entgingen – über beides freue ich mich. Kommt Zeit … man liest sich.

  • Vor vielen Jahren habe ich einen Nachruf auf Bukowski gelesen, vielleicht in der ZEIT oder in der FAZ. Der Autor kannte sich offenbar aus mit Bukowskis Leben: Sein Vater hätte ihn wohl zu Tode geprügelt, wenn nicht ein Onkel den Jungen rechtzeitig zu sich genommen hätte. Der Onkel aus Amerika? Jedenfalls eine wunderbare Errettung.
    Heute, am 2. August 2016, habe ich in einem Porträt-Zeichenkurs der (auch, auf ihre Art, wunderbaren) Porträtistin Brigitte Guhle in Frankfurt den ganzen Tag an einem Bukowski-Porträt in Softpastell gearbeitet, nach einer Fotovorlage. He may be dead but he’s not forgotten. Die Lippen zusammengepresst zu einem Strich, die Mundwinkel ein unterdrückter Schrei . . . Man kann sich vorstellen, warum er “oceans of whiskey” brauchte.

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