Von Wölfen, Rehen und anderem Ungetier

Vandalierendes Schadreh (als Damwild verkleidet).

Von Mike. Reichlich eine Woche ist es her, als Frank Kupfer, seines Zeichens sächsischer Landwirtschafts- und Umweltminister (in der Reihenfolge), vor versammelter Jagdlobby seinen Vorschlag präsentierte, den seit mehreren Jahren in Sachsen wieder heimisch gewordenen Wolf, beliebt und bekannt aus Tatsachenberichten wie „Rotkäppchen und der Wolf“, „Drei kleine Schweinchen“ oder „Hase und Wolf“, künftig durch die Jägerschaft selbst hegen zu lassen.

Stark vereinfacht heißt das, dass der Jäger künftig selbst entscheiden kann, wie viel Wolf der Wald verträgt – natürlich im Rahmen des Gesetzes, da die Jagd auf den Wolf als streng geschützte Art verboten ist – zumindest eigentlich.
Gerade im Bereich des derzeitigen Verbreitungsgebietes des Wolfes in der Lausitz wird er für den – nicht erwiesenen – Rückgang des Rehbestandes verantwortlich gemacht. Dieses „Argument“ wird of und gern ins Feld geführt, wenn es um die Jagd auf Meister Isegrim geht. Gleichzeitig wird in derselben Gegend über steigende Verbisszahlen an jungen Bäumen durch Rehe, Mufflons und Damwild geklagt. Auf dieser Grundlage werden Forderungen nach einer höheren Abschussquote für jene „Schädlinge“ laut, da ansonsten der Wald in Gefahr gerate, weil sich die Bäume nicht richtig entwickeln könnten. Es sei darauf verwiesen, dass hierbei nur forstwirtschaftlich genutzter (Nadelholz-)Wald gemeint sein kann. In einem gesunden Mischwald-Ökosystem könnte dagegen nicht einmal der Borkenkäfer einen größeren Schaden anrichten.

Kein Wolf, aber immerhin.

Nun ist es aber besonders in Deutschland üblich, Natur als etwas zu begreifen, was einer gewissen romantischen Postkarten-Ästhetik entspricht, wovon aber im Übrigen weder eine Gefahr noch ein finanzielles oder gar wirtschaftliches Risiko ausgehen darf. Schließlich steht schon in der Bibel auf Seite eins, dass der Mensch als selbsternannte Krone der Schöpfung (was wohl die Bakterien dazu sagen?) sich die Erde untertan machen solle. In einem agrarforstwirtschaftlichen Wald hat es eben wie auf einem Weizen- oder Maisfeld nur Nützlinge zu geben. Der Wald ist daher für Holz- und Wildfleischproduktion das passende Industriegelände. Schädlinge sind da fehl am Platze und müssen bekämpft werden.

Dem Wolf reicht eine tägliche Nahrungsmenge von etwa vier bis acht Kilogramm Fleisch. Bei etwa 40 Wölfen in Sachsen (vorhandene Welpen sind nicht eingerechnet) macht das ungefähr 20 Rehe am Tag, 600 Rehe im Monat und 7.300 Rehe im Jahr – theoretisch. Schließlich frisst der Wolf als Gourmet meist nicht täglich dasselbe, sondern auch ziemlich jedes andere jagdbare Tierchen aus dem Wald wie Wildschwein, Mufflon, Maus und gelegentlich auch abseits des Waldes etwas Schaf. Selbst wenn man also äußerst großzügig rechnet und dem sächsischen Wolf 3.500 Rehe im Jahr zugesteht, macht das insgesamt vielleicht zehn Rehe am Tag. Klingt zunächst viel, die Zahl relativiert sich jedoch bei durchschnittlich über 3.000 geschossenen Rehen täglich (!) in Deutschland. Stellt sich wiederum die Frage nach der Schadhaftigkeit von Rehen und Wölfen. Womöglich könnte ja der Wald davon profitieren, dass Canis Lupus ihn wiederum vor seinem Fressfeind schützt.

Seit Edmund Stoiber und dem Sommer 2006 kennen wir bekanntlich die drei Klassifizierungen von Tieren am Beispiel von Bären. Demnach gibt es Normalbären, Schadbären und Problembären. Übertragen auf das Reh bedeutet dies: es gibt Normalrehe (kann man essen und bringen dem Jäger pro Stück zwischen 100 und 150 Euro), Schadrehe (fressen den Wald kaputt, siehe oben) und Problemrehe (haben Tollwut und fressen vorzugsweise wahrscheinlich kleine Kinder oder springen selbstmörderisch vor fahrende Autos). Den Wolf gibt es ebenfalls in diesen Kategorien: Normalwölfe leben entweder im Zoo, stehen ausgestopft im Jagdmuseum oder hängen als Trophäe über des Jägers Kamin. Schadwölfe wiederum fressen Rehe (jetzt wird es allerdings paradox, da es darauf ankommt, ob es sich um Normal- oder Schadrehe handelt). Bleiben die Problemwölfe: Diese fressen vorzugsweise kleine Mädchen, die mit einer Flasche Alkoholika irgendwo herumstehen. Daher sind letztere Wölfe öfters auch an Tankstellen in der Lausitz zu finden.
Es ist jetzt schon absehbar, dass der Wolf sich in Sachsen weiter nach Westen und Süden ausbreiten wird. Die Natur kann sich bekanntlich nicht selbst helfen und der Mensch muss aus seinem Selbstverständnis heraus auf jeden Fall regulierend eingreifen, was bisher in 99 Prozent der Fälle auch immer mit positiven Folgen für die Natur endete. Der moderne Wald von heute ist weder eigenständig noch kommt er ohne die helfende Hege und Pflege des Menschen aus. Ausgehend von solchem Umweltsozialismus sieht die Zukunft des Wolfes außerhalb von Zoos und Tierparks eher düster aus. Er passt in kein wirtschaftliches Nutzkonzept und wird als Fressfeind des Menschen wahrgenommen, der die Regulierung des Wildbestandes möglicherweise in die eigene Pfote nimmt. Obwohl es in Europa in den letzten 100 Jahren nachweislich nur zwei bis neun Todesfälle im Zusammenhang mit Wölfen gegeben hat (die Quellenlage ist hierbei sehr unterschiedlich), wurde die Rotkäppchenkeule längst wieder aus der Mottenkiste geholt und es wird fleißig weiter mit Urängsten aus Kindertagen gespielt. Vielleicht aber ist der Grund dafür ein ganz anderer: Der Wolf steht kaum wie ein anderes Säugetier für unbezähmbaren Freiheitswillen und Unabhängigkeit. In einer zunehmend auf einen übertriebenen Sicherheitswahn und irrationale Existenzangst fixierten Gesellschaft wird ein seit Jahrhunderten durch Vorurteile attribuiertes Wesen wie der Wolf lediglich als unverständliche Bedrohung wahrgenommen, die beseitigt gehört.

Diskutieren Sie mit: