Warum die AfD (nicht) wählen

Von Anna-Maria Schielicke

Die Naturwissenschaft hat es im Vergleich mit den Sozialwissenschaften relativ leicht. Ein Apfel fällt von oben nach unten, verantwortlich dafür ist die Gravitation. Wie schnell dieser Apfel dies tut und in welcher Flugbahn, wird dann noch von Luftdruck, Luftfeuchte, Windrichtung und Windstärke und dem spezifischen Gewicht des Apfels bestimmt. Das ergibt eine relativ überschaubare Anzahl von Variablen.

Menschliches Verhalten hingegen kann durch dutzende von Variablen erklärt werden und dies auch nie vollständig. Es ist schlicht unmöglich, menschliches Verhalten präzise vorherzusagen. Sozialwissenschaftler rechnen daher mit Wahrscheinlichkeiten. Für jemanden, der Gewalt in Kindheit und Jugend erfahren hat, besteht eine höhere Wahrscheinlichkeit, selbst gewalttätig zu werden, als für jemanden ohne diese Erfahrungen. Aber: Nicht alle Menschen, die so aufgewachsen sind, handeln entsprechend. 

Wir alle sind zunächst das Produkt unserer Vorfahren. Werte, Gedanken, Geschichten, die in einer Familie weitergegeben werden, prägen unser Denken und Handeln. Später kommen die Freunde hinzu. In der Schulklasse sind dies vielleicht andere als im Sportverein, im Konservatorium, der Gemeinde oder in der Clique, die sich allabendlich an der Bushaltestelle trifft. Diese können dem Denken in der Familie sehr ähnlich sein, aber auch sehr unähnlich. Irgendwann entscheiden wir uns für unseren Lebensweg. Wollen wir dem Weg der Familie folgen, dem Weg der Freunde aus der Schulklasse, des Sportvereins, des Konservatoriums, der Gemeinde, der Clique, einer Mischung von allem oder einem ganz anderen Weg. Wir haben die Wahl. Das unterscheidet den Menschen von dem Apfel – der freie Wille.

Selbstverständlich kann man nicht außer Acht lassen, wie, wo und mit wem man aufgewachsen ist. Es gibt systemische Probleme, die es zu lösen gilt. In extremen Fällen wie Straffälligkeit kennt die Rechtsprechung daher auch „mildernde Umstände“. Wer eine schwere Kindheit hatte, wer Gewalt als die einzig mögliche Art der Konfliktbewältigung kennengelernt hat, erfährt Gnade vor dem Gericht. Dennoch: er erhält seine Strafe. Denn, es bleibt noch eine Variable – die persönliche Verantwortung.

Worauf diese lange Einleitung hinaus will: Es mag bis zu einem gewissen Grad erklärbar sein, warum Menschen in einer bestimmten Weise handeln, dennoch trägt jeder Mensch für seine Taten die Verantwortung. Ja, es gibt Variablen, die erklären können, warum jemand gerne eine Mauer bauen will, um sich vor „den Anderen“ zu schützen. Es gibt Variablen, die erklären können, warum jemand eine Partei wählt, die zwar keine vernünftigen Konzepte anbietet, aber dafür jede Menge Vorurteile verbreitet und Sündenböcke dafür hat, dass es einem angeblich so schlecht geht. Aber: Dies alles ist keine Entschuldigung für die Wahl einer Politik der Überheblichkeit, des Hasses, des Neides und der Ausgrenzung, die jeglichen Anstand vermissen lässt.

Auch in strukturschwachen Gebieten wie Mecklenburg-Vorpommern oder vom Strukturwandel besonders betroffenen Landstrichen wie dem Ruhrgebiet kann die AfD nicht die Erfolge einfahren, wie in Sachsen, Thüringen und Brandenburg. Warum? Vielleicht, weil die Bürger dort keine „Alternative“ in der AfD sehen, keine Gestaltung, nur Ressentiments? Vielleicht, weil für die Wähler dort, bei allen Frustrationen und erfahrenen Ungerechtigkeiten, die AfD einfach nicht wählbar ist? 

Der amerikanische Soziologe Theodore Abel hat 1934 Biogramme – also persönliche Erzählungen – von Menschen gesammelt, die vor 1933 mit der NSDAP sympathisiert haben. Abel interessierte vor allem das Warum? Diese Biogramme wurden mehrfach sozialwissenschaftlichen Analysen unterzogen (u.a. Merkl 1975). Auch in den heutigen Analysen zur Wahlentscheidung für die AfD finden sich mit Herkunft, Schichtzugehörigkeit, Bildung, erfahrenen Frustrationen, Unzufriedenheiten etc. Variablen, die damals herangezogen wurden, um die Wahl der NSDAP zu erklären. Wieland Giebel – der die Sammlung Theodore Abels 2018 neu herausgab – fragt nun insbesondere danach: „[…] warum […] die anderen mit vergleichbarem Hintergrund keine Nazis geworden [sind]? Oder warum sind solche mit völlig konträrem Hintergrund Nazis geworden, also Wohlhabende, Gebildete, mit Internat und Studium, gut behütet, mit Auslandserfahrung und diplomatischer Karriere?“ Seine Antwort: „Weil die einen Nazis sein wollten und die anderen nicht.“ (Giebel 2018: 24).

Hier kommt wieder die persönliche Verantwortung ins Spiel. Man hat die Wahl und für diese ist man verantwortlich. Hitler hat sich schließlich nicht an die Macht geputscht, sondern wurde gewählt.

Quelle: Flickr, Rob Faulkner

Der Politikwissenschaftler Klaus Leggewie erklärte kürzlich, er werde die Wähler der AfD nicht mehr in Schutz nehmen. Nach den diversen Schälungen, die diese Partei seit 2013 durchlaufen hat, dürfte klar sein, in welche Richtung sie strebt. Protestwahl ist keine Entschuldigung mehr. Warum nicht die Piraten, die PARTEI, die Grauen Panther, irgendeine andere Splitterpartei oder überhaupt nicht wählen? Die AfD zu wählen ist eine Entscheidung. Und sie hat Gewicht. Vor allem jene, die sich aus Protest dafür entscheiden, sollten sich nach allem, was wir aus der Vergangenheit wissen, ernsthaft fragen, ob sie diese Wahl persönlich verantworten können.

Wieland Giebel schreibt: „[…] wer sein Heil in dieser Ideologie [suchte] war dafür allein verantwortlich. Es war eine ganz individuelle Entscheidung […]. Die meisten haben sich intensiv mit anderen politischen Strömungen auseinandergesetzt. Sie schlitterten nicht so in den Nationalsozialismus hinein. Ganz individuell war auch die Verantwortung. Jeder trägt für die wesentlichen Entscheidungen in seinem Leben selbst die Verantwortung, damals und heute.“ (Giebel 2018: 24).

Giebel, Wieland (Hrsg.). „Warum ich Nazi wurde“ – Biogramme früher Nationalsozialisten. Die einzigartige Sammlung des Theodore Abel. Berlin:  Berlin Story Verlag.

Merkl, Peter H. (1975). Political Violence under the Swastika. 581 early Nazis. New Jersey: Princeton University Press.

Die Sammlung der Biogramme von Theodore Abel ist online über die Hoover Archive an der Stanford University einsehbar : https://digitalcollections.hoover.org/advancedsearch/Objects/archiveType:Item%3BcollectionId:58225