weDoubt – Individualismus als Knieschuss

Von Torsten Klaus. „Vom Ich zum Wir“, hieß es einst. Lange her, nicht nur in Jahren gemessen. Der Plural wird heute nur noch genutzt, wenn es um Fehler geht. Der Erfolg dagegen ist ein Tummelplatz der ersten Person Singular. Und nicht nur das: Die Häufung des Pronomens „Ich“ nimmt inflationäre Ausmaße an, weil in diesen drei Buchstaben der Geist dessen kulminiert, was als höchste Form zivilgesellschaftlicher Entwicklung gilt: Individualismus.

Eben jenes Individuelle sprechen auch die Marketing- und PR-Experten beständig an. Den Kunden wird suggeriert, sich durch Nutzung bestimmter Marken und Produkte von der Masse, vom Mainstream abzuheben. Was immer den Widerspruch in sich trägt, dass auch Markenartikel so häufig wie möglich verkauft werden sollen – womit sich dieser Ausdruck des Individualismus ad absurdum führt.

Am Ich führt in unserer Welt dennoch kein Weg vorbei. Selbst dann nicht, wenn sich Descartes’ Satz „Ich denke, also bin ich“ in Zeiten abnehmenden Geistes und zunehmenden Konsums in „Ich kaufe, also bin ich“ verwandelt hat. Die aktive Teilnahme am Geldkreislauf, das Zücken von Portmonee und Kreditkarte sind heute Attribute sozialer Bedeutung.

Hierzulande hat das Ich seinen Siegeszug längst angetreten. Jede banale Talkshow lebt davon, dass oft genug ziemlich bedauernswerte Kreaturen das Wort so inflationär verwenden, dass es einem zu den Ohren raushängt.

Dabei gibt es ein Leben jenseits des eigenen Bauchnabels. Es zu suchen, bleibt die einzig wahre Form des Individualismus. Geistiger Austausch ist bei dieser Suche Weg und Ziel zugleich. Aus dieser Perspektive betrachtet, sollte man Apple-Chef Steve Jobs sogar dankbar sein. Er hat das Individuelle so stark in den Vordergrund gesetzt, dass Produktnamen wie iPod, iPhone und iPad entstanden sind. Es braucht halt im Englischen nur einen Buchstaben, um zu zeigen, wie Ich-dominiert die Welt ist.

Dieses „i“ dürfte schwer zu toppen sein, mithin ist es vielleicht die extreme Blaupause unserer Egos. Selbst wenn Apple übermorgen Turnschuhe unter dem Logo „iRun“ verkaufen sollte, scheint ein Trend ausgereizt und müsste sich logisch umkehren. Also erneut „vom Ich zum Wir“? Wo sollte das enden? In Massendemonstrationen, wo auf Transparenten „weDoubt“ zu lesen ist? Lassen wir uns überraschen, und überraschen wir uns gleichzeitig selbst. Dafür sollte jedoch der eigene „iThink“ genutzt werden. Und wer’s vergessen hat: Der sitzt immer noch zwischen den Ohren. Etwas Individuelleres als das eigene Hirn dürfte schwer zu finden sein. Benutzung inklusive.

9 comments

  • Wenn das “Vom Ich zum Wir” einst als Grundlage einer Massenbewegung gedacht war, so funktioniert doch die neue Massenbewegung heutzutage weit besser. Und der gedankliche Austausch untereinander ist auch gegeben (“Was, du hast noch keinen iPod?” — “Hä, einen Eierkochtopf habe ich schon!”). Man könnte beliebig viele Beispiele ähnlich gelagerten Gedankenaustausches anführen. Wozu groß denken? Das strengt doch an. Think light!

  • Ich habe mir das iVerbibbsch patentieren lassen. Das iVerbibbsch zieht Unmassen Strom, ist zu nüschtem kompatibel, sieht aber phantastisch aus. Man kann es zum Beispiel über den Kopf ziehen und wird dann unsichtbar. Und kann fliegen. Auf Außenstehende wirkt es auf Grund einer neidbedingten Wahrnehmungsstörung wie ein Sack mit Kabel (iNvidia-Syndrom). Das iNvidia-Syndrom ist ausschliesslich durch Kauf eines iVerbibbsches heilbar (3600€/iVerbibbsch, ab 10 Stück 3500€).

  • Ich habe letztes Jahr Ostern ein “Ei, Ei, Ei!” gefunden. Es war grauenhaft. Sofort ergriff mich die Furcht. Es stellte sich nicht als “Ich, Ich, Ich” dar sondern vielmehr als Instantpulver für Hausmeister und Großmütter. Ich hab’s einmal ausprobiert, gott sei dank hielt die Wirkung nicht lange an.

  • Nun macht Euch mal bitte nicht über den guten Steve Jobs lustig. Ich arbeite schließlich an einem iMac 24 und bin ganz froh darüber. Das Dumme daran ist nur, dass die Kollegen hier in der Abteilung alle den gleichen Rechner haben, auch die gleichen Programme. Die Individualität reduziert sich also auf das unterschiedliche Beherrschen Letzter.

  • Emmanuel Levinas schlägt einen anderen Weg ein, in “Wenn Gott ins Denken einfällt”, setzt er sich intensiv mit Heideggers Dasein auseinander, in diesem Wörtchen “Da” ist schon das ich enthalten. Es bezieht sich auf den Tod, der Mensch definiert sich über die Geworfenheit ins Sein, ICH werde in dieses Leben hineingeworfen. Levinas ist aber Jude und lebt nicht in der Bilderwelt, der Welt der Wahrnehmung. Der Jude liest, er lebt in der Schrift. Eine Passivität gegeüber dem Gewesenen, dem Seienden macht den Juden aus. Die Juden als das das inkarnierte Andere erleben ihre Existenz als Annäherung an das Fremde in einer gelassenen Passivität. Im Gegensatz zu diesem Text hier, der bei Steve Jobs *schüttel* stehenbleibt, schaudert es einem bei Levinas vor so viel Tiefe die unter die Haut geht. Von Heideggers “Was ist Denken, dem letzten Kind cartesianischen Denkens, bleibt nur ein zerfasertes Nichts übrig.

    Vielleicht ein bisschen krass für diese Seite hier … es überkam mich einfach … sry

  • Danke! Emmet(t)?
    Gerne mehr “krasses”.
    Manchmal “überkommt” einen das “Ich” eben doch. ;-))

  • PS.: Für Interessierte: Der Heidegger-Text heißt “Was heißt denken” (Tübingen, 1954). Bei so viel “sein” ist’s nicht verwunderlich wenn plötzlich alles “ist”. 😉

  • Dazu fällt mir ein Spruch von Theodor W. Adorno ein, den ich witzigerweise am Freitag auf der Cebit zu hören bekam: “Bei vielen Menschen ist es bereits eine Unverschämtheit, wenn sie ich sagen.”

  • Eine der erschütterndensten Erkenntnisse des Buddhismus ist die, daß es ein “Ich” nicht gibt. Herr Litsch schreibt dazu: “Vor 2500 Jahren hat ein Mensch in Indien, Gautama Buddha, auf jahrelanger Suche nach den Ursachen des Leidens unter den Menschen, in einer tiefen Erfahrung folgende Einsicht erlangt: Die Ursache allen Leids ist die Abspaltung unserer Existenz von der Wirklichkeit! Es ist unser Glaube, unsere Ideologie, unsere Illusion, wir seien ein abtrennbares, eigenständiges Ding, ein Wesen, eine Person, ein Individuum, ein ‘Ich’. Wir glauben dieses Ich abtrennbar vom Anderen, abtrennbar von der Welt, abtrennbar von der Natur, abtrennbar vom eigenen Körper, abtrennbar von allem Nicht-Ich. “Nur ich bin ich!” Ich bin mit nichts identisch! Aber ein Ich, das nur aus sich selbst besteht, mit nichts identisch ist, ist letztlich ein Nichts! Ja, es existiert nicht! Denn es besteht aus Nichts! Ein Ich ohne Welt, ohne Natur, ohne die Anderen, ohne Körper, ohne Nicht-Ich kann nicht existieren. Dieses Ich ist eine Illusion, ein Wahn! In Wahrheit sind wir mit diesem ‘Ich’ (diesem Ich-Konzept) von uns selbst getrennt!” w.buddhanetz.org/texte/welt.htm Auch sein Text zum “ICH als Ware” ist lesenswert.
    Außerdem sei den Lesern Professor Karl-Heinz Brodbeck empfohlen, der als Wirtschaftswissenschaftler und Buddhist viel über unsere Wirtschaft aus buddh. Sicht publizierte. (w.khbrodbeck.homepage.t-online.de/ )

    “Nichts was immer es auch sei, sollte als >IchMein< aufgefasst werden" Buddhadasa

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