Wie sich Thassilo bei Peter Macheli in die Wohnung schlich und den „Müpel“ benutzte. Was dann geschah…

 

Thassilo war ein bisschen sauer auf seinen Kumpel Peter Macheli. Seit Wochen hatte er nichts mehr von dem genialen Tüftler gehört. Der „Müpel“ stand unbenutzt auf dem Balkon des Hauses gegenüber. Oft saß Thassilo nachts hinter der Gardine seines Schlafzimmers und glotzte auf Machelis Küchenfenster, in der Hoffnung, dort das vertraute bläulich-grüne Leuchten des „Müpels“ zu erblicken – dahinter, im Zimmer an der Wand, der zuckende Schatten Machelis, der sich vor Lachen bog oder aber zusammengekauert und schaudernd in einer Nische klebte, weil er etwas Schreckliches in der Zukunft zu sehen glaubte. Doch nichts davon geschah. Das Küchenfenster blieb dunkel.

In den letzten Wochen hatte die allgemeine Stimmung ohnehin eine Trübung erfahren. Der Herbst, der direkt auf den Winter gefolgt war, schien kein Ende nehmen zu wollen. Thassilo hatte in einer der letzten Nächte geträumt, dass er im Hof Schnee schippen musste – ohne Schneeschieber. Dann war der rollende Komposthaufen von Elena und Peter kaputt gegangen. Seither reisten die Freunde mit einem Gefährt, das eher an ein Raumschiff erinnerte als an ein Automobil. Wahrscheinlich hatten sie deshalb schlechte Laune, weil sie jetzt mit der Schar ihrer frechen Kinder in einer pfeffi-grünen Hutschachtel rumgurken mussten. Dabei hätte Thassilo gern mal wieder ein Mädchenbier mit den beiden geschlürft.

Thassilo langweilte sich. Bis zur großen Reise, die ihn schon bald hinter den Sonnenaufgang führen sollte, waren es noch einige Wochen. Elena und Peter machten keine Anstalten, sich blicken zu lassen. Und die göttliche Genoveva arbeitete scheinbar rund um die Uhr. Zum Grillen war es zu nass, zum Angeln zu kalt, zum Schneeschippen gerade noch zu warm.

Plötzlich hatte Thassilo eine geniale Idee. Wenn die Realität schon nicht so zu wollen schien wie er sich das vorstellte, dann würde er sie eben nach seinen Vorstellungen ein wenig zurechtbiegen müssen. Doch dazu brauchte er den „Müpel“. Das Problem dabei war, dass Peter seit Thassilos Westerwelle-Experiment das Teil nicht mehr an ihn verborgte. Noch Wochen nach Thassilos Versuch war Guido durch sämtliche Visionen des Zukunfts-Apparillos gegeistert. Das hatte Macheli bis an den Rand des Wahnsinns getrieben. Es blieb nur eins: Thassilo musste sich den „Müpel“ leihen, ohne das Peter etwas davon mitbekam. Also wartete Thassilo, bis sich Elena und Peter mit den ebenso sympathischen wie ausnehmend frechen Kindern wieder einmal in ihr Wochenenddomizil nach Buxtehude verdrückt hatten. Bereits kurz nachdem das blasse, froschgrüne Raumschiff mit seinen Insassen den gemeinsamen Hof verlassen hatte, schlich sich Thassilo ins Nachbarhaus. Auf die Erfahrungen aus seiner dunklen Vergangenheit zurückgreifend, war es für Thassilo ein leichtes, sich Zugang zur Wohnung von Elena und Peter zu verschaffen. Gewissensbisse verspürte er dabei keine, schließlich handelte er für einen guten Zweck. Der Regen war schuld, nicht er, Thassilo Bart.

Und da stand er. Hinter der Balkontür leuchtete lockend Peter Machelis genialste Erfindung, der „Müpel“. Thassilo frohlockte. Seine Finger juckten. Vorsichtig trug er das kleine Kästchen in das Innere der Wohnung, wischte einige Krümel, die hier immer herumlagen, vom Küchentisch und setzte seinen Schatz behutsam auf die hölzerne Tischplatte. Vorsichtig legte er den Schalter um, mit dem der „Müpel“ in Betrieb genommen wurde. Nach einer kurzen Verzögerung, in der Thassilo einen abgrundtiefen Atemzug lang glaubte, der „Müpel“ sei kaputt und Peter habe ihn deswegen in den letzten Wochen nicht gebraucht, erklang das vertraute, einschmeichelnde Summen des Apparats wiewohl ein grünes Leuchten am Panel des göttlichen Guckkastens Funktionsbereitschaft anzeigte. Thassilos Finger kreisten über der Tastatur, mit deren Hilfe die Kombination verschiedener Schlagwörter zur gewünschten Vision eingegeben werden konnte. Zuerst konnte sich Thassilo nicht richtig entschließen, wohin ihn die imaginäre Reise führen sollte. Es war schon zu lange zu kalt gewesen, zu viel Regen hatte zu viele Tage dieses miserablen Frühjahrs (Frechheit!) verdorben, als das Thassilo in diesem Moment auch nur eine Spur von Bescheidenheit hätte entwickeln können. Und so nahm das Verhängnis schließlich seinen Lauf. Thassilo, im Rausch unbeeinträchtigter, kreativer Freiheit, hämmerte orgiastisch eine Vielzahl von Wörtern in die Tastatur. Sonne*, Musik*, Urlaub* warmes* Wasser* von* unten* und Rügen* waren nur einige der Begriffe, die in Thassilos fiebernder Fantasie aufblitzten. Dabei hätte er bei letzterem beinahe das „ü“ mit dem „e“ verwechselt hatte, so lange regnete es schon.

Das Summen des „Müpels“ wurde lauter, in der Küche von Elena und Peter verbreitete sich eine leichte Note schwelenden Gummis, schließlich jedoch manifestierte sich ein erstes Bild in der Mitte des Raumes. „Aaaaaahhhhhhhhhh!”   Thassilo atmete wonnevoll auf. Eine erste Vision zeigte die Szene eines Rapsfeldes unter blauem Himmel im Sonnenschein. Scheinbar hatte Macheli am „Müpel“ herumgebastelt und ihn weiter verbessert, denn von hinten wehte Thassilo eine leichte Brise an, die den Geruch salziger Meerluft mit sich trug. „Herrlich“, grunzte Thassilo und lehnte sich im Rattanstuhl, in dem Frau Jupiter sonst zu lümmeln pflegte, genüsslich zurück. Das nächste Bild zeigte die Rezeption von Thassilos Lieblings-Campingplatz. „Genau, erst einmal richtig anmelden“, dachte Thassilo, und sah sich, nach alter Manier, bei der freundlichen Dame an der Theke gleich auch eine Angelkarte kaufen. Dem verzückten Beobachter in der Dresdner Altbauwohnung standen Freudentränen in den Augen. Vor dem Küchenfenster hingegen lasteten schwere Wolken und der seit Wochen andauernde Niederschlag ging langsam in Schneeregen über. „Sie haben Glück“, hörte Thassilo die Dame an der Rezeption sagen „im Moment sind nur Dauercamper da, es war einfach zu kalt die letzten Wochen“.

 

Das nächste Bild zeigte Thassilo, wie er, vor einer glutroten, untergehenden Sonne, weit draußen in der Brandung der Ostsee stand und fischte. In der dunklen Dresdner Küche schluchzte der echte Thassilo nun ungehemmt und voll sehnsüchtiger Melancholie. Aus dem Schneeregen im feindlichen „Draußen“ hingegen waren inzwischen große, dicke Flocken geworden, die sacht auf das frische, noch zaghafte Grün der erstaunten Lindenbäume vor dem Fenster hernieder sanken. Doch Thassilo hatte längst keinen Sinn mehr für das, was sich tatsächlich im widrigen Frühjahr dieses Jahres vor der Balkontür, nur wenige Meter von ihm entfernt, abspielte.

Die vom „Müpel“ generierte Sonne versank gerade in den dunklen Fluten der beinahe spiegelglatten Ostsee und der Thassilo der Vision schickte sich eben an, das Wasser zu verlassen, um im Wohnwagen ein herrlich kühles Lübzer Bier zu trinken, als es im „Müpel“ leise knisterte. Der in die Betrachtung seiner Fantasien versunkene Thassilo nahm jedoch von diesem Geräusch keinerlei Notiz. Unwillig sah er vielmehr den Visions-Thassilo im bauchtiefen Wasser stolpern, straucheln und schließlich mit einem lauten Platschen in der Ostsee untertauchen. „Was soll der Unfug“, dachte der Küchen-Thassilo gerade, als das Bild in der Mitte des Raumes sich plötzlich wandelte. Thassilo befand sich unter Wasser und starrte in die Augen eines riesigen „Köhlers“, wie eine der Unterarten des Kabeljaus in der Ostsee genannt wurde. Dieser blickte ihn aus seinen riesigen, stillen Fischaugen traurig und nachdenklich an. „Warum stellst Du mir nach“, blubberte der blasse Fisch Thassilo fragend entgegen, bevor er sich zögernd abwendete und in den dunklen Tiefen der Ostsee auf Nimmerwiedersehen verschwand. „Ein sprechender Fisch…“, wunderten sich Visions- und Küchen-Thassilo gleichermaßen als im selben Augenblick eine singende Flunder in die Unterwasser-Szenerie hineintauchte. „Das ist ja grauenhaft“, dachte Thassilo, der längst vergessen hatte, ob er sich  in einer kalten Dresdner Küche oder in der nicht minder kühlen Ostsee befand. Tatsächlich sang die seltsame Flunder, dieser schräge Backfisch, so herz- und ohrenzerreißend, dass beide Thassilos von Panikattacken überwältig wurden. Doch damit nicht genug. Vom Grunde der Ostsee tauchten massenhaft blödsinnig grinsende Fische empor und umringten, sich selbst immerfort  im Rausch wiegend, die durchgeknallte Flunder. Aus dem entrückten Gewimmel stachen vor allem die metallisch schwarz glänzenden Schuppen großer Dorsche, die dicken, feurigen Rotbarsche, ja, selbst glänzende Goldfische hervor, obwohl es letztere in der Ostsee gar nicht geben konnte. „Genug“, ächzte der Dresdner Thassilo im Rattanstuhl. Und tatsächlich schien das Bild, das der „Müpel“ brummend produzierte, noch einmal zu wechseln.

 

Thassilo sah sich selbst mit Waschtasche und Badelatschen von seinem Wohnwagen auf das Sanitärgebäude zustreben, welches die Duschen beherbergte, als eine fast nackte Dauercamperin, lediglich mit Socken und braunen Leder-Slippern bekleidet, mit einem vielsagende Grinsen und einem freundlichen „Guten Morgen“, seinen Weg kreuzte. Etwas weiter entfernt schimmerte ein Schild mit der Aufschrift „FKK-Strand“ durch die Kiefern. Schaudernd betrat Thassilo den Waschraum des Sanitärgebäudes. Dort erwartete ihn ein ebenfalls nackter Herr fortgeschrittenen Alters. Dieser starrte nachdenklich in den Spiegel und rieb sich dabei immerzu das Gesicht. Thassilo versuchte den Anblick zu ignorieren als er sich seine Zahnbürste in den Mund steckte. „Einfach nicht hinsehen“, wiederholte er mantraartig in sich hinein gewendet, „Einfach nicht hinsehen“. Plötzlich hörte er den älteren Herren fragen: „Junger Mann, könnten sie mir eben mal helfen, den Rücken zu rasieren?“ Das war zu viel. Schreiend rannte der Visions-Thassilo zum Ausgang des Waschcontainers. Der Küchen-Thassilo saß, beinahe bewusstlos, im Rattanstuhl, die Hände in dessen Lehne verkrampft und folgte gelähmt dem Grauen, dass der inzwischen heftig brummende „Müpel“ produzierte. Der Ostsee-Thassilo fand den Ausgang des Sanitärgebäudes scheinbar verschlossen vor. Abwechselnd an der Klinke rüttelnd und sich mit der Schulter gegen die Tür werfend, hörte er hinter sich schlurfende Schritte, die näher und näher kamen. „Du kannst mir nicht entfliehen“, hörte er die Stimme des Alten, die jetzt irgendwie wie die der Meerhexe Ursula aus dem bonbonbunten Disney-Trickfilm „Arielle, die Meerjungfrau“ klang. In Ursulas Geplärr mischten sich das dumpfe Brummen eines riesigen Rasierapparates und der durchdringende Geruch verschmorter Plaste. Thassilo wurde an der Schulter gepackt und heftig gerüttelt. „Fort, fort!“, schrie er. Eine freundliche Stimme antworte ihm: „Ist ja schon gut“.

Ein paar Sekunden später kam Thassilo zu sich. Er lag auf dem Küchenboden neben dem Rattanstuhl ohne eine Ahnung, wie er dahin gekommen war. Mit den Händen hielt er die abgerissene Klinke der Küchentür umklammert. Die drohende Ursula war Gott sei dank, wie schon der „Köhler“ zuvor, in den Tiefen des fantastischen Ozeans verschwunden. Stattdessen leuchtete über ihm das freundliche Gesicht von Elena Jupiter, während im Hintergrund sein Kumpel Peter Macheli fluchend am dampfenden „Müpel“ herumbastelte.

Später saßen sie zu viert, Elena, die göttliche Genoveva, Macheli und Thassilo, in der gelüfteten Küche und tranken Mädchenbier, während das Schneetreiben draußen immer heftiger wurde. „Und das im Juni“, seufzte Elena. „Lass gut sein, es gibt Schlimmeres“, murmelte Thassilo. „Aber warum seid ihr denn schon wieder da?“, fragte er an seinen Freund Peter gewandt. „Wir hatten so eine Ahnung“, antwortete dieser. „Unterwegs, an der Tankstelle, kurz vor Buxtehude, tauchte plötzlich dieser Angler auf. Vollkommen nackt. Nur Gummistiefel hatte der an. Irgendwie sah er dir ähnlich. Völlig schräg aber war die singende Flunder, die er im Eimer hatte“.

6 comments

  • Die Zeit, die Zeit… Morgen Lagerfeuer? Und zieh die Gummistiefel an! *rrrrr*

  • Ja, Lagerfeuer! Ich komme in Badehose. Essen ich, Mädchenbier Du?

  • Und müpelt bitte eine Aussenprojektion mit SONNE und ohne Fisch…

  • Lieber Herr Macheli,
    wahrscheinlich sind Sie mit Weib und Kindern noch auf kostspieliger Sommer-Kultur-Tour. Indess würde es Herrn Loewenhaupt und mich sehr freuen wieder von Ihnen zu hören!
    Derweil Thassilo in fremden und vielleicht trüben Gewässern fischt, der große Fang auf sich warten läßt… wäre es doch allgemein erbaulich vom Müpel mal wieder `ne kleine Geschichte zu lesen (bitte), zur Erbauung und zur Aufheiterung unsererseits.
    Mit herzlichen Grüßen, die Obigen

  • Ich habe den Müpel jetzt mal ins Tiefkühlfach gelegt, Sommer ist einfach nicht so seine Jahreszeit. Ein paar Tage Geduld, dann ist er kalt genug. Viele Grüße zurück!

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