Wiederholung in Zeiten der Brain Faker – Willkommen im Jahr 2018

Von Torsten Klaus. Der Kopf dröhnt. Und dieser Text fühlt sich an, als sei er wieder und wieder geschrieben worden. Vielleicht ist das so. Ich kann aber auch nicht aus meiner Haut und mich Themen verwehren, die uns gerade prägen. Genauso wenig, wie ich den Schreihälsen die Netzpräsenz überlassen will.

 

In dem Maße, wie sich Grenzen in unseren Tagen erst verbal und schnell auch materiell wieder etablieren, fallen sie anderswo umso schneller weg. Sie erodieren, an verschiedenen Stellen, immer ein wenig nur, doch in der Masse des Bröckelns liegt die Gefahr. Der Grünen-Politiker Boris Palmer will in der Debatte um das Alter von Flüchtlingen allen Ernstes die Beweisumkehr, wie er auf Facebook schreibt. Die AfD-Bundestagsabgeordnete Beatrix von Storch tadelt die Kölner Polizei wegen einer Silvester-Botschaft, die AUCH auf Arabisch abgesetzt wurde. Donald Trump gratuliert dem neuen Herausgeber der New York Times und schreibt gleichzeitig auf Twitter, dies sei die letzte Chance der „scheiternden“ Zeitung, die Vision ihres Gründers Adolph Ochs zu erfüllen.

 

Das hat nichts miteinander zu tun und ist in meinen Augen doch kaum voneinander zu trennen. Es sind nur ein paar wenige Nachrichten der vergangenen Tage. Was sie eint, ist ihr Inhalt. Er distanziert sich, offenbar sehr bewusst, von dem, was vor nicht allzu langer Zeit Konsens war: dem Konzept eines Anstandes, der alles andere als kleinbürgerlich oder bieder daherkommt, sondern die eigentliche Basis bietet für das, was in akademischen Kreisen gern als Diskurs bezeichnet wird. Es ist dieses Basis, die erodiert.

 

„Was zur Hölle ist in diesem Land los? Wieso twittert eine offizielle Polizeiseite aus NRW auf Arabisch. Meinen Sie, die barbarischen, muslimischen, gruppenvergewaltigenden Männerhorden so zu besänftigen?“ fragte von Storch. Die Polizei hatte geschrieben: „Die Polizei Köln wünscht allen Menschen in der Stadtregion Köln und Leverkusen und natürlich auch darüber hinaus einen guten Rutsch ins neue Jahr 2018.“ Auf Deutsch, Englisch, Französisch – und Arabisch. Etwas, das vor gar nicht gar so langer Zeit einfach als weltläufig bezeichnet worden wäre, und heutzutage einfach zeitgemäß ist. Darüber hinaus sicher auch klug, gerade vor dem Hintergrund der Übergriffe in der Kölner Silvesternacht 2015. Man zeigt: Wir kommunizieren auch in der Sprache jener, die damals den Täterkreis maßgeblich ausmachten. Das hat etwas mit Prävention zu tun. Die AfD-Frau macht daraus einen Generalangriff auf Polizei und arabisch-muslimische Männer. Differenzierung, auch so ein Wort, das vor nicht allzu langer Zeit noch Bedeutung zu haben schien, juckt nicht mehr. Hat es in manchen Kreisen, mein Eindruck, nie. Diese Kreise versuchen nun schon geraume Zeit, durch Lautstärke und Wiederholung das wettzumachen, was an Substanz fehlt. Sollten wir dem nachgeben, wird es unsere Gesellschaft weit stärker unterminieren, als es der Zuzug von Flüchtlingen je schaffen könnte.

 

Da der Anstand also grad keine Urständ feiert, geschweige denn fröhliche, stehen Recht und Gesetz als fester Rahmen fürs Zusammenleben umso stärker im Fokus. Aber, wie Boris Palmer zeigt, gilt das eben nicht für alle. „Wer Röntgen als unzumutbaren Eingriff wertet, könnte übrigens auch einen anderen Weg wählen: Wer nicht nachweisen kann oder durch eine Untersuchung nicht belegen will, dass er unter 18 Jahren alt ist, wird als Erwachsener behandelt“, meinte der grüne Oberbürgermeister von Tübingen in die öffentliche Debatte um das Alter von jungen Flüchtlingen werfen zu müssen. Ich überlasse es Juristen und Medizinern, diesen Vorschlag entsprechend zu bewerten. Nur eine einfache Feststellung: Das Grundgesetz gilt für alle. Oder wir ändern demnächst einfach Artikel 1 in: „Die Würde des Deutschen ist unantastbar.“ Mit Zweidrittelmehrheit.

 

Das dritte herausgegriffene Beispiel zeigt schließlich (leider Gottes zum x-ten Mal), dass Trump auch als Präsident eben nicht im und am Amt gewachsen ist, im Gegenteil – wie das jüngste Gegreine um die Größe seines Atomwaffenknopfes im Vergleich mit dem von Nordkoreas Staatschef Kim Jong Un unterstrichen hat. Man kann ja nicht mal einen Freudschen Witz drüber machen, weil Trump nur trivial twittern dürfte: „Who the fuck is Freud?“ Einen Tag zuvor hatte der Präsident den neuen Herausgeber der New York Times, Arthur Gregg Sulzberger, aufgefordert: „Holen Sie unparteiische Journalisten mit einem deutlich höheren Standard, werden Sie all Ihre falschen und nicht-existierenden „Quellen“ los und behandeln Sie den Präsidenten der Vereinigten Staaten fair.“ Dieser Mann braucht Hilfe, in einem sehr medizinischen Sinn. Und auch in Bezug auf Bildung, müsste man ihm doch so grundlegende Dinge wie Gewaltenteilung, Pressefreiheit oder den grundlegenden Unterschied zwischen Klima und Wetter erklären. Hätte sich Donald Trump vor Jahren in seiner eigenen Show „The Apprentice“ theoretisch auf den Präsidentenjob beworben, wäre ihm gar nichts anderes übrig geblieben, als sich selbst zu feuern, wegen Unfähigkeit. Sein gelebtes Rollenmodell dreister Negierung findet jedoch nicht wenige Nachahmer. Ich würde all diesen Geistesgrößen ein zeitgemäßes Label verpassen: Brain Faker. Was hiermit geschehen ist.

Images: thanks to Pixabay.

Und nun? Durchatmen, Kopf wieder frei machen. Sich Menschen vor Augen führen, die sich, wo auch immer auf der Welt, dem neuen Diktat des Dummdreisten entgegenstellen. Dazu erinnere ich mich oft an die Sätze einer guten Freundin. Sie machte schon vor etlichen Wochen in einem Gespräch klar, dass auch wir Einfluss ausüben, täglich. Über die Kontakte zu Freunden und Kollegen, mit Gesprächspartnern in zahlreichen Branchen. Dort diskutieren wir, debattieren, streiten, argumentieren. Und lösen oft genug etwas aus bei unserem Gegenüber, wie es auch umgekehrt passiert. So lange das so ist, so lange ich Leute neben mir spüre, denen das kleine Problem im Kiez genauso wichtig ist wie der menschgemachte Klimawandel, die nach Lösungen suchen statt die Probleme aufzublasen – so lange will und werde auch ich weitermachen auf diesem Weg. Selbst auf die Gefahr hin, sich thematisch zu wiederholen. Wiederholung ist schließlich die Mutter der Weisheit. Und davon kann’s grad nicht genug geben.

 

In diesem Sinne: Ein gutes Jahr für alle, die sich angesprochen fühlen.

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