Zurück in die Zukunft: Dresden aufbauen, “wie es war”

Muss alles abgerissen werden. Nicht nur die Prager Straße wird der historisierenden Neugestaltung Dresdens geopfert. Bild: wikipedia commons / public domain
Muss alles abgerissen werden. Nicht nur die Prager Straße wird der historisierenden Neugestaltung Dresdens geopfert. Bild: wikipedia commons / public domain

Von Tobias Strahl. Nachdem in der letzten Woche bekannt wurde, dass die Gesellschaft Historischer Neumarkt Dresden (GHND) gemeinsam mit dem Dresdner Bauunternehmer Frank Wießner eine Replik des historischen Narrenhäusels am ursprünglichen Standort des 1945 bei den Luftangriffen auf Dresden zerstörten Gebäudes errichten will, hat sich Dirk Hilbert (FDP), der die Geschicke der Stadt derzeit kommissarisch führt, für den Fall seiner Wahl zum Oberbürgermeister am 5. Juli nun dafür ausgesprochen, ganz Dresden wieder so aufzubauen, „wie es war“. Dazu müsste ein großer Teil der Nachkriegsarchitektur im Stadtzentrum abgerissen werden.

Die Idee dazu sei ihm bei einem persönlichen Gespräch mit dem GHND-Vorstand Torsten Kulke gekommen, als er am letzten Wochenende bei der CDU-Landesspitze eingeladen war, um die Strategie für „die völlige Demontage, ja, den Abriss der rot-rot-grünen Machtphantasien“, wie der wortgebende sächsische Innenminister Markus Ulbig kämpferisch vorgeschlagen hatte, zu planen. Zu dem Treffen hatte Sachsens Ministerpräsident Stanislaw Tillich alle, nach eigenen Worten, „verdienten Kräfte um die sächsische Idealgeschichte, die Gestalter einer geglückten und zukunftsweisenden Retrospektive“ eingeladen. Die Vertiefung dieser Sicht, erklärte Tillich in seiner Begrüßung, müsse angesichts der bevorstehenden Schicksalswahl ein unumgängliches Anliegen des sächsischen Bildungsbürgertums, ja, „aller konservativen Kräfte im Freistaat“ sein.

Auf die Frage, welche Größenordnung die Umgestaltung der Stadt haben werde, erklärte Hilbert, dessen Idee von allen Besuchern des Treffens mit Beifall begrüßt wurde, das umfassende Eingriffe in das derzeitige Stadtbild wohl unvermeidlich seien. So müssten sehr wahrscheinlich etwa die nach 1945 errichteten Wohnbauten entlang der Prager Straße und der Hauptstraße „zugunsten replizierender Originalarchitektur“ abgebrochen werden. Den derzeitigen Bewohnern der Anlagen werde jedoch „zeitnah“ vergleichbarer Wohnraum in den Dresdner Stadtteilen Gorbitz oder Prohlis zugesprochen.

Möglichen Einwänden Gewerbetreibender, die für die umfassende Historisierung der Landeshauptstadt ihre attraktiven Geschäftsräume etwa in der Altmarkt- oder Zentrumsgalerie aufgeben müssten, hält Hilbert bereits jetzt entgegen, dass mit der Wiederherstellung Dresdens „in einem historisch variablen Zustand, der sich, je nach touristischen und ökonomischen Erwägungen, von der ersten urkundlichen Erwähnung der Stadt im Jahr 1206 bis 1945, keinesfalls aber danach“ erstrecken kann, ein wirtschaftlich attraktives Großprojekt verwirklicht werde, das sich „in jeder Hinsicht positiv auf Tourismus und Gewerbe“ auswirke.

Dabei bräuchten weder die zukünftigen Bewohner des „neuen, alten Dresden“ noch Investoren und Gewerbetreibende auf die Annehmlichkeiten moderner Bauwerke zu verzichten: „Ähnlich etwa wie im Vergnügungspark Disneyland in Paris planen wir, historisierende Gebäudehüllen mit einem in jeder Hinsicht hochmodernen Kern zu verbinden“, erklärte Hilbert. Dresden habe bereits bei der Sanierung des Neumarkts einige Erfahrung auf dem Gebiet historischer Falsifikate sammeln können und schließlich sei das „Projekt Dornröschenschloss“ im Disneyland Paris touristisch auch ein voller Erfolg. Darauf angesprochen, dass es sich bei letzterem um ein Märchenschloss handele, erwiderte Hilbert, dass die größte Stärke der Sachsen „schon immer ihre Phantasie gewesen ist“. Der ihm beispringende Ministerpräsident brachte den grundliegenden Gedanken folgendermaßen auf den Punkt: „Um sich vorzustellen, wie es sein könnte, muss man sich fragen, wie es wahrscheinlich war und was weniger wahrscheinlich ist, um zu erkennen und dann möglicherweise zu entscheiden, was man will oder ausschließlich nicht wollen kann – aus historischer Perspektive.

Unternehmer Frank Wießner habe mit seinen Plänen für das Narrenhäusel den richtigen Ton angeschlagen, lobte Hilbert, der sich auch vorstellen kann, für das Projekt die derzeit etwas verschnupfte Unternehmerin Regina Töberich mit ins Boot zu holen. Immerhin kenne sie sich mit der Planung ambitionierter Großprojekte ganz gut aus.

Mit denkmaltheoretisch fundierten Aussagen zu seinen Plänen für das Narrenhäusel hat Wießner die Debatte um die historische Maxime „Konservieren, nicht restaurieren!“ in der Traditionslinie von George Dehio (1850-1932) und dem berühmten Dresdner Kunsthistoriker und Denkmalschützer Cornelius Gurlitt (1850-1938) erneut entfacht. So erklärte Wießner gegenüber den Dresdner Neuesten Nachrichten seine Motivation für den Bau einer unter Umständen ähnlichen Replik am Standort des zerstörten Narrenhäusels folgendermaßen: „Hier an dieser Stelle fehlt einfach etwas […] Man kann hier problemlos an die Historie anknüpfen und einen attraktiven Ort für Dresden und seine Touristen schaffen.“

Mit diesen Worten habe Wießner „allen echten Dresdnern aus dem Herzen gesprochen“, erklärte Hilbert sichtlich bewegt. Auch die sächsische CDU-Spitze sehe das so und unterstütze Hilbert für den Fall seiner Wahl zum Oberbürgermeister im Juli bei seinen Plänen.

Kommentare

  • Okay, ich hab 3 Minuten gebraucht. Vielleicht könnte man ein Zeitmaß zum Messen der gerade vorhandenen Unwahrscheinlichkeit einführen: Je länger ein Leser braucht um einen Artikel als unwahrscheinlich einzuschätzen, desto höher ist der momentane Grad der Unwahrscheinlichkeit. In Dresden also gerade 1 hoch 3.

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