Kommt Zeit, kommt Rat

Seine leicht gelangweilte Frau konnte die Bedeutung des Gesagten nicht richtig einschätzen, als Macheli ihr in begeisterten Worten seine neue, bahnbrechende Erfindung schilderte. “Und man kann sofort sehen, ob es funktioniert” jubelte der leicht blasse Enddreißiger am Abendbrottisch und vergaß darüber sogar, den Meerettich auf den Lachs zu schmieren.

Sobald die Kinder im Bett waren, führte Peter die Liebste ins Schlafzimmer, drückte die Fernbedienung für den Fernseher, fluchte, zog hier ein Kabel raus, steckte da eins hinein. Ein schriller Ton erklang. Der jüngste Macheli-Spross kam neugierig aus seiner Koje und behauptete, erneut pullern zu müssen. Die Frau verdrehte die Augen, als sie daran dachte, dass ausgerechnet heute mal ‘was Gutes’ im Fernsehen gesendet werden sollte, sie die Kabel aber wohl nie wieder in der richtigen magischen Weise in die passenden Buchsen befördern könne, und dann geschah ein Wunder.

Das urplötzlich aufgetauchte Bild löste sich vom Bildschirm und manifestierte sich räumlich mitten auf dem Bett. “Ausschalten geht noch nicht so richtig” sagte Peter kleinlaut und drückte auf der Fernbedienung herum. Fassungslos erkannte seine Angetraute ihren Mann, allerdings um mindestens 10 Jahre gealtert. Er stand in Straßenschuhen auf ihrem Kopfkissen und gab anscheinend ein Interview, ein älterer Herr am Fuße des Bettes hielt eine Kamera in seine Richtung.

„Freiheitlich-demokratische Grundordnung, schönes Stichwort, das Sie mir da geben” feixte der Bett-Macheli gerade in das Mikro des  Reporters. “Das ist genau das, was unsere Insassen abschaffen wollten. Wir haben ihnen  den Wunsch erfüllt, und zwar ziemlich realistisch. Und ich meine, es kostet den Steuerzahler weniger, als wenn zu jedem Popanz-Datum braune Horden Demonstrationen anmelden und kiloweise Polizisten binden. Hier in der JVA Hammerweg, schöner Blick über Dresden übrigens, drücken manche nun seit 12 Jahren die Schulbank. Doch sie machen Fortschritte, viele  konnten wir in den letzten Jahren entlassen.“

Der Reporter wandte sich direkt an die Besitzerin des Bettes in dem er stand. “Die Erfolge, meine Damen und Herren, sind in der Tat erstaunlich. In der Haftanstalt Hammerweg wird nun seit beinahe 12 Jahren ein neues Konzept erprobt. Es trägt den Titel ‘Vom Schuhe zubinden zum Bachelor’ und wird durch anonyme Spenden finanziert. Nachdem am 13. Februar des Jahres 2011 unbekannte Täter das Navigationsgerät des Leitfahrzeuges manipuliert hatten, standen auf einmal 134 Busse, 3500 NPD-Mitglieder, hier im Gefängnis. Auf der Suche nach dem richtigen Weg. Sie sprachen teilweise kaum richtig Deutsch, viele sahen ungesund aus, hatten Übergewicht, manche weinten und ihre Hosen waren nass. Herr Macheli gab ihnen eine neue Perspektive. Er schloss die Tore zur Haftanstalt und brachte den neuen Bewohnern ein paar nützliche Dinge bei: Schleifen binden und Schnitten schmieren zum Beispiel.”

“Sie sagen das so einfach” unterbrach ihn der im Bett stehende Peter, “nach 14 Tagen sprachen die mich mit ‘Mein Führer’ an. Die kannten das ja nicht anders. Unsere Anstaltspsychologin brachte mich dann auf die Idee, das auszunutzen. Wir erarbeiteten gemeinsam das Konzept: Entlassen wird, wer in Philosophie und Literaturwissenschaft erfolgreich den Bachelor abgelegt hat. Am Anfang gab es für jedes richtig gesetzte Komma eine Zigarette, man muss sie ja motivieren. Hier raucht schon lange keiner mehr. Klar haben die rumgepöbelt, wir sollten doch selbst erst mal richtig Deutsch lernen.” Macheli lachte, in Erinnerungen versunken. “Wir haben sie diese Pöbeleien dann hier an die Tafel schreiben lassen. Die haben sich fast die Schädel eingehauen, so haben die sich über die Rechtschreibung gestritten. Falsch war es meistens trotzdem.”

“Gegenwind erfährt Macheli neuerdings ausgerechnet von der FDP und der CDU, meine Damen und Herren. Seitdem die extremistischen Demonstrationen mangels Teilnehmern nicht mehr stattfinden, landen zunehmend ältere Herren im Hammerweg. Dazu noch einmal der Anstaltsleiter:” “Roland K. reimt sich…” Bild und Ton begannen zu flackern, gespenstisch hing nur noch Machelis Kopf in fast zwei Meter Höhe über dem Kopfkissen. “…Einer unserer ehemaligen Häftlinge … die Kohlsche Ära aufarbeiten …” Dann herrschte plötzlich Stille.

“Was war denn das?” fasste sich die erschrockene Ehefrau als Erste wieder. “Meine neue Erfindung” nuschelte Peter vor sich hin, seine Gedanken waren sichtlich woanders. “Das war das Fernsehen der Zukunft, da wird das Bild in 3D projiziert” wurde er dann konkreter. “Das Steuerteil ist aber auf dem Balkon, das wird zu heiß und jetzt im Winter, naja, da kann man jedenfalls einstellen, was man simulieren will. Das Kästchen berechnet nämlich die Zukunft, ich gebe ein paar Schlagworte ein, zum Beispiel Neonazi, Dresden, Februar und Gefängnis.  Dann fragt es mich, ob ich das Experiment selbst leiten will, den Rest hast du ja gesehen. Es zeigt dann, wie sich das in sagen wir mal 12 Jahren auswirkt, mit der Technik dieser Zeit natürlich.”

“Und wieviel Strom braucht das?” Diese Frage wäre ihm bisher noch nicht in den Sinn gekommen, gab Peter verblüfft zu. Es sei sicher nicht wenig, den Boiler habe er vorsichtshalber vorher ausgeschaltet, wegen der Sicherung. “Und das war wirklich die Zukunft?” wollte Elena Jupiter noch von ihrem Mann wissen. “Ich weiß es nicht, das war die Zukunft, wie sie das Kästchen mit den Schlagworten berechnet hat.” Er stockte kurz. “Ich geh mal auf den Balkon, ich will da noch was einstellen” sagte er dann und versuchte ganz harmlos zu wirken. “Und wer repariert jetzt den Fernseher?” rief sie hinter ihm her.

Fortsetzung folgt

Peter Macheli

3 Kommentare

  1. [...] jetzt sehen, was passiert, ich habe Elena gestern morgen beim besten Bäcker der Welt getroffen. Was sie erzählt hat, klang reichlich, nun, sagen wir, verworren. Ich muss das mit eigenen Augen [...]

  2. [...] Versuchung erlegen, der Königin von Dresden, OB extra stark wurde sie später auch genannt, seinen Müpel zur Verfügung zu stellen. Er hatte dann aber Bedenken, sie würde ihn aus Unwissenheit [...]

  3. [...] Kumpel Peter Macheli. Seit Wochen hatte er nichts mehr von dem genialen Tüftler gehört. Der „Müpel“ stand unbenutzt auf dem Balkon des Hauses gegenüber. Oft saß Thassilo nachts hinter der Gardine [...]

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