Klaustrophobie – Situationen in Berlin und Prora
Von Torsten Klaus. Das Wort Raumflucht bekommt eine andere Bedeutung bei Bruce Naumann. Wer seine Räume betritt, den kann der Gedanke an Flucht schneller übermannen als gedacht. Naumann schafft Inseln trügerischer Ruhe, denen man – zumal sie recht eng sein können – schnell wieder entkommen will. Oder auch nicht: Denn In Naumanns Räumen kann sich der Besucher andererseits verlieren, weil er sich in sich selbst verliert. Naumanns Räume sind Orte ohne Zeit. In einer Ausstellung im Hamburger Bahnhof in Berlin entfalten sie derzeit ihren eigenwilligen Zauber – als “Dream Passage”.
Wer einen Naumannschen Raum betritt, überschreitet eine Grenze. Schaut der Besucher zurück über diese imaginäre Linie, sieht er Bedeutung. Schaut er nach vorn, erblickt er Verlorenheit. Zwischen diesen Polen ist Naumann, mittlerweile 68, lange Jahre zum Schöpfer einer stellenweise bedrückenden dreidimensionalen Erfahrung geworden. Davon zeugen unter anderem die engen Flure in “Corridor Installation” (1970) oder der zwei Jahre später entstandene “Kassel Corridor: Elliptical Space”, den er für die documenta 5 baute. Letzterer ist immer nur einzeln zu betreten, für maximal eine Stunde kann sich ein Besucher darin regelrecht einschließen. Und herausfinden, wie stark man auf sich selbst zurückgeworfen sein kann – und ob man sich selbst aushält. Eine Grenzerfahrung in zivilisierter Verkleidung.
Naumann müsste eigentlich an Orten ausgestellt werden, die die Wirkung seiner Räume noch potenzieren: zu Gedenkstätten umgewidmete Gefängnisse oder ehemalige Kasernen beispielsweise. Denn obwohl der im US-Bundesstaat Indiana geborene Konzeptkünstler eher auf einer Metaebene unterwegs ist, als Assoziationen zu real existierender Architektur zu evozieren, ruft sich der Betrachter natürlich eigene und sehr konkrete Raumerfahrungen ins Gedächtnis. Naumanns vielleicht bekannteste Raum-Installation, “Room with my soul left out, room that does not care”, eine in den Achtzigern entstandene begehbare Monumentalskulptur, lässt solche Erinnerungen jedenfalls wiederauferstehen. Die Flure des schwarzen Raumes, einem Kreuz, laufen an einem Punkt zusammen. Wer dort steht und die Augen schließt, dem schieben sich Bilder eigener Verlorenheit ins Hirn. Da passt es durchaus, dass diese Installation in Albuquerque einst als “Centre of the Universe” ausgestellt wurde. Bei mir setzte sich beim Betreten dieser Skulptur nach langen Jahren wieder der Alpdruck auf die Brust, den ich vor etlicher Zeit beim ersten Einrücken in eine Kaserne verspürte. Fast logisch: Welches Stück Gebrauchsarchitektur würde sich schließlich weniger um die seelischen Befindlichkeiten des Einzelnen scheren als ein trauter Ort für Kommandos? Kunst kann wehtun. Sie muss sogar.
Eine unwahrscheinlich ähnliche Erfahrung klaustrophobischer Natur habe ich kürzlich an einem ganz anderen und doch vergleichbaren Ort gemacht: bei der Besichtigung des ehemaligen “Kraft durch Freude”-Komplexes der Nazis in Prora auf Rügen. Dort ist es der Gigantismus des 4,5 Kilometer langen Baus, der Beklemmungen hervorruft. Im graubraunen Betonband an der See, in dessen Innerem sich vor allem Fledermäuse tummeln, manifestiert sich eine andere Art der Klaustrophobie, trotz der Nähe der weiten See, als sei dieser Ort gedanklich kontaminiert.
Aus dem geschlossenen Raum wird hier ein vergessener, beiseite geschobener. Es ist das greif- und sichtbare Pendant zu Naumann. Der Seelenlosigkeit von Naumanns “Room with my soul left out…” fügt sich in Prora aber noch der Aspekt der Gedankenlosigkeit hinzu, was geradezu tragisch anmutet. Denn anders lässt sich der Umgang des Bundes mit dieser Liegenschaft nicht bezeichnen, der das historische Potenzial nicht erkennt oder nicht erkennen will. Wer einen solchen Ort, an dem Propaganda und Sozialgeschichte des Dritten Reiches ineinander fließen, in Einzelteilen an diverse Investoren veräußert, sollte sich öffentliche Bekenntnisse zur Wichtigkeit der Geschichte verkneifen.
Übrigens war es für mich wenig verwunderlich, gerade in Prora dieses Gefühl der Verlorenheit wieder gespürt zu haben. Die DDR nutzte den endlos anmutenden Bau schließlich als das, worauf sich meine kurz zurückgekehrten Beklemmungen gründeten: als Kaserne. Sogar ein Zellentrakt wurde angebaut. Gitterstab-Architektur als sichtbar gemachte Einschüchterung: Wehe den Unbotmäßigen.
Das Gute an Rügen ist, dass man solche Gefühlsaufwallungen schnell wieder ablegt, schon am nahen Strand von Prora. Blickt man von dort landeinwärts, ist der bauliche Wurmfortsatz einer lange im Orkus der Geschichte verschwundenen Verwerflichkeit nicht mehr zu sehen. Schnell wachsende Bäume haben den Streifen wiedererobert, der Landschaftsschutz tut sein Übriges. Und nicht weit entfernt finden sich Alleen, deren Bäume ihre Äste fast so dicht wie ein Kathedralendach über die Straße wölben. Das Licht fällt vereinzelt hindurch und malt helle Ornamente auf den Asphalt: ein Schimmer von Perfektion, sonnengefertigte Perlen. Ein geschlossener Raum und doch das ganze Gegenteil von Klaustrophobie.




