Der Brunnen

(mit einem schönen Gruß an José Saramago)

Der Brunnen am Ortsrand war immer ihr Treff gewesen. Erklären konnte das niemand, es hatte sich mit der nicht mehr nachvollziehbaren Stärke des ersten Moments so ergeben. Dennoch war es mit dem Treff am Brunnen so wie mit anderen Dingen, die zur Gewohnheit wurden: Erst das zweite Mal, als die Clique dort zusammenkam, machte aus der zufälligen Wahl des Ortes eine Stringenz, die sich zur Tradition ausweiten sollte. Das zweite Mal ist immer das entscheidende, dachte Schrankanski.

Damals, als die Steine des Brunnens die Wärme der tagsüber sengenden Sonne in den Abendstunden so angenehm abgaben, dass ein Platz mit dem Rücken zur Brunnenmauer begehrt war. In jenen Sommer wanderten Schrankanskis Gedanken zurück. Er erinnerte sich an den dicken Kurt, an Grete mit den Sommersprossen und an Santos, den alle wegen seiner Vorliebe für Cordhosen nur Manchester nannten. Auf den ersten Blick waren sie ein paar junge Leute, die nicht viel mit ihrer Zeit anzufangen wussten. Doch an diesem Brunnen begann das, was ein paar Jahre später das Land umkrempeln sollte.

Schrankanski kratzte sich am kahl schimmernden Hinterkopf. Aber es fiel ihm beim besten Willen nicht mehr ein, wer von ihnen zuerst die Idee hatte, ihre Pläne als „Anarchie mit menschlichem Antlitz“ zu bezeichnen. Im Dorf waren sie damals die klaren Außenseiter. Santos, der eigentlich Andreas hieß, aber schon mit dreizehn seinem Vater lautstark klarmachte, dass er ab jetzt nur noch Santos genannt werden wollte. Als sein Vater fragte, ob er noch alle Tassen im Schrank habe, setzte Santos den Todesstoß: „Und deinen Hof, den kannst du dir in die Haare schmieren.“ Das saß. Eine größere Feindschaft innerhalb einer Familie hatte das Kaff nie gesehen, das wollte was heißen. Santos trug diese eigenartige Auszeichnung mit eigenwilligem Stolz. Nur ein einziges Mal erzählte er, dass der originale Santos ein bolivianischer Sozialanarchist war, der sich besoffen ins eigene Bein schoss und verblutete. Fragte ihn fortan aber jemand nach seinem Vater, schwieg er nur und richtete den Blick haarscharf am Frager vorbei. Bald fragte niemand mehr. Und Santos hieß Santos. Bis Grete eines Abends fragte: „Wieso hast du immer diese Manchester-Hosen an?“ Sie sprach das Wort wie „Menschester“ aus, sogar Santos musste lächeln. Was blieb, war ein neuer Name.

Schrankanski lachte lautlos in sich hinein, als er sich daran erinnerte. Wohl auch aus Verwunderung darüber, dass sich die Bilder in seiner Erinnerung so frisch erhalten hatten. (Freilich vermutet der Erzähler hier nur. Was weiß der Chronist schon vom Innenleben der Figuren? Aber man zerbricht sich eben zu gern den Kopf über andere Leute, also sei’s drum.) Schrankanskis inneres Lachen wurde zu einem recht ansehnlichen Grinsen. Er steckte sich eine Zigarette an und stieß mit dem Fuß kleine Steine vor sich her. Sie hatten dieses Land geändert, dachte er. Hatten sie das wirklich? Grete war es, die diese Frage vor ein paar Wochen wie aus heiterem Himmel gestellt hatte. Diese Frage war der Grund, weshalb Schrankanski jetzt hier stand, den Brunnen im Blick. Er kehrte zurück an den Beginn einer Geschichte, die er zu seiner Geschichte erklärt hatte. Nun wollte er wissen, ob er sich dabei nicht grundlegend irrte.

Ihre Gruppe zählte nur wenige damals, aber sie erwiesen sich als zäh. Kurt, der kleine Dicke mit der speckigen Lederweste, machte den Vorschlag, alle leer stehenden Katen im Dorf nicht nur zu besetzen, sondern an den Zäunen der Grundstücke Transparente anzubringen mit Aufschriften wie „Ihr uns auch“ oder „Gerechtigkeitshalber“. Es dauerte nicht lange, da kamen die ersten Reporter. Fragten süffisant, ob es in den Städten keine Häuser mehr zu besetzen gebe. Zogen erstaunt die Augenbrauen hoch, als Kurt ihnen klarmachte, dass dies nur der Beginn eines Weges sei. Zogen ab und kamen nicht wieder. Zumindest nicht so bald. Das änderte sich erst, als das Örtchen zu einer Art Wallfahrtsort für die Anarchisten-Szene geworden war.

Vor allem Grete und Kurt hatten dafür gesorgt, dass das „Anarcho-Dorf“ – wie es die größte Tageszeitung des Landes in Riesenlettern auf der Titelseite bezeichnete – Anziehungspunkt wurde. Alle kamen hierher: anfangs die Punks und Szenegänger, immer häufiger aber auch Durchschnittsbürger, von der Hausfrau bis zum Professor. Die Reporter kehrten nun zurück, Fernsehkameras und Mikrofone im Schlepptau. In einem der Interviews, die Schrankanski gab, sagte er den für ihn immer noch entscheidenden Satz: „Ich habe die Schnauze voll, gestrichen voll.“ Was das Anarcho-Dorf und seine Bewohner vorher in zahlreichen Diskussionen über das Gesellschaftssystem und dessen Nachteile ans Licht gebracht hatten, kulminierte nun in diesem Proleten-Satz. Das Gute: Jeder verstand ihn.

Zwei Herbste später war” Schnauze voll” kein Protest mehr, sondern Programm. Bei der Wahl fürs Parlament bestätigte sich nämlich etwas, wovor die Demografen gewarnt hatten. Nur acht Prozent der Wahlberechtigten gaben einen gültigen Stimmzettel ab. Mehr als siebzig Prozent der Zettel blieben entweder weiß oder trugen zwei Worte: Schnauze voll. Die Regierung witterte natürlich einen heimtückischen Anschlag auf die Demokratie. Die Experten reagierten völlig unfachmännisch mit kollektivem Schulterzucken, Politikwissenschaftler nannten es das Anarchie-Phänomen. Wir hätten damals auch in die Bresche springen können, dachte Schrankanski. Hätten nach der Macht greifen können. Er wunderte sich fast sofort über seine Gedanken. Nach der Macht? Die wollten wir doch gar nicht. Sein Grinsen kam zurück. Denn das war der beste Schachzug gewesen damals: Dass sie keinen Schachzug machten. Die ausgebliebene Reaktion von ihm und seiner Gruppe sorgte für die Entscheidung zu ihren Gunsten. Die Leute wandten sich endgültig ab vom politischen Leben, wie sie es bis dahin kannten. Die „Anarchie mit menschlichem Antlitz“ war plötzlich das Wort der Stunde. Jetzt durchschoss es ihn. Grete war es gewesen, sie hatte es immer wieder wodkaselig vor sich hingemurmelt, bis Schrankanski begriff.

Zweiundzwanzig Jahre seither. Angst stieg einen kurzen Moment hoch in ihm. Auf der Zugfahrt hierher hatte er die Zeitung gelesen. Es würde wieder Wahlen geben, die ersten seit damals. Auch Freiheit kann manchmal zuviel werden. Lächelnd schlenderte er zum Brunnen hinüber, die Angst wich. Und ob wir dieses Land verändert haben, murmelte er vor sich hin, wurde immer lauter, bis er den Satz brüllte und ein lautes Lachen anschloss. Der Trotz, der darin mitschwang, ließ ihn für einen Moment wieder zu dem jungen Mann damals am Brunnen werden. An dem Brunnen, der dem Ort seinen Namen gab. Steinborn.

Torsten Klaus

Ein Kommentar

  1. keck sagt:

    “Ihr uns auch” – herrlich. Der Text ist wirklich klasse, das Beste in Sehnsuchtsort, Torsten!

    Gruß
    keck

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